Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1916-12-25 · Heft 6 (25.12.1916) · p. Seite 170

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 6 (25.12.1916)
Article
Soziologische Tagebuchblätter
Date
1916-12-25
Page
Seite 170 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908697-2909179--0304-2909221
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

170 Soziologische Tagebudiblätter Von Dr. Franz 0 p penheimer 4 Gespräch mit dem sehr intelligenten Dr. J., der Rußland sehr genau studiert hat und auch die o st jüdische Frage aus eigener Anschauung kennt, über die Möglichkeiten der Assimilation im allgemeinen. Er macht auf die interessante Tatsache dessen aufmerksam, was er „Aufsaugung" nennen möchte: der ruthenische Grundadel Galiziens ist von den Polen, der deutsche Grundadel Böhmens von den Tschechen völlig resorbiert worden. Ich füge eine ältere Tatsache hinzu: in Pommern, teilweise auch der Mark Brandenburg, wohl auch in alter Zeit in Böhmen, ist der slawische Adel völlig von dem deutschen aufgesaugt worden. Wir sind einig darin, daß solcher Resorption religiös-konfessionelle Unterschiede in der Regel sehr starke Hemmungen bereitet haben. Überwunden wurden sie im Grunde nur dort, wo es sich um Standesgenossen, und zwar um Grundbesitzer, handelte. Das Bürgertum, und namentlich das kapitalistische Bürgertum, ist zu solcher Verschmelzung offenbar viel weniger, wenn überhaupt, fähig. Es ist nationalistisch viel stärker betont als der Grundadel. Woran liegt das? Die Ursache scheint mir klar. Meine Lehre von der „zwiefachen Konkurrenz1' gibt den Schlüssel des Geheimnisses. Zwischen Kapitalisten besteht der „feindliche Wettkampf44: der eine greift den anderen durch Unterbietung feindlich an mit der Absicht, ihn womöglich aus dem Markte zu werfen, dssen monopolistische Beherrschung sein letztes Ziel ist AU das ist nur möglich auf dem Boden der Preisbildung, der die Gewerbe trägt; denn hier herrscht das „Gesetz der steigenden Erträge44; daher besteht die Tendenz zur Preissenkung, und der Preis bildet sieh mehr durch das Angebot der Produzenten als durch die Nachfrage der Konsumenten. Zwischen Landwirten aber besteht der „friedliche Wettbewerb44, Denn hier kann niemand daran denken, den Markt monopolistisch beherrschen zu wollen: auch die Ernten des größten Latifundiums stellen nur einen Tropfen im Meere der Welternte dar. Niemand kann femer hier daran denken, den anderen im Preise zu unterbieten, denn der Boden der Preisbildung ist ein ganz anderer: die Landwirtschaft steht unter dem „Gesetz der sinkenden Erträge44; daher besteht hier die Tendenz zur Preissteigerung, und der Preis bildet sich mehr durch die Nachfrage der Konsumenten als durch das Angebot der Produzenten. Zwischen Grundbesitzern gibt es mithin keine - ökonomischen Gegensähe, und sie sind darum viel eher imstande, politische und roligiöse Gegensätze zu überwinden. Zwischen kapitalistischen Städtern aber bestehen die schärfsten ökonomischen Gegensätze, und sie sind darum immer geneigt, politische und religiöse Gegensätze zu betonen, zu verschärfen. Darum hüllt sich ihr Wirtschaftskampf in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.