Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 3 (10.11.1916)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
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86 jede Einzelkorrespondonz in ihrer Ganzheit zusammengestellt ist. So tritt das Verhältnis Spinozas zu den einzelnen Briefschreibern am klarsten hervor. Freilich auch * als durchgehende Erscheinung, daß er auch bei seinen Verehrern nur ein sehr mangelhaftes Verständnis seiner .gigantisch neuen Weltanschauung gefunden hat, dem er immer und immer wieder mit rührender Geduld nachzuhelfen bemüht ist. Wer aus der jener Zeit entsprechenden Terminologie den Inhalt herauszufühlen versteht, wird eine erstaunliche Fülle ganz! moderner Gedanken über Erkenntnistheorie, Psychologie, Ethik und Naturwissenschaft linden, die in ganz frappanter Weise Lehren von Kant, Nietzsche und anderen vorwegnimmt. Der Briefsammlüng, deren Perlen für den Nichtphilosophen wohl der Brief an Bürgh (42) und der an Fabricius (74-) sind, hat der Herausgeber Bluwstein eine kleine Auswahl von Stellen aus den Werken Spinozas als „Ergänzung zum Briofvvechsel" folgen lassen. Ein sehr glücklicher Gedanke! Nur würden wir wünschen, daß dieser kaum 70 Seiten umfassende Abschnitt etwa um die Hälfte vermehrt würde, damit auch die prachtvollen Definitionen der Affekte und noch mehrere der markantesten Lehrsätze aus dem dritten, vierten und fünften Teile der „Ethik" Platz finden könnten. Zum Schluß gibt der Herausgeber Anmerkungen zu den Briefen, die besonders biographische und zeitgeschichtliche Einzelheiten bieten, aber auch einige sachliche Fragen behandeln und eine ausgezeichnete Hilfe für das Verständnis der Briefe darstellen. Nur an einer Stelle tut er unseres Erachtens Spinoza unrecht (S. 834), wo er sich der Meinung anschließt, Spinozas Stellung zum Christentum und zu Jesus „könnte als erzwungenes Zugeständnis, als quälende Unaufrichtigkeit anmuten". Darüber ist Spinoza wirklich erhaben. Wer diese Stellen im Theologisch-politischen Traktat liest, wird finden, daß Spinoza wie in der Fassung des Gottesbegriffs sich auch in diesen Fragen der Terminologie seiner Zeit und vor allem der Bibel anpaßt. Heute dürfen uns Ausdrücke wie „die göttliche Weisheit Jesu" oder „Offenbarung des Propheten" so wenig befremden und stören, wie der Gebrauch der Worte Gott, Seele, Freiheit, Unsterblichkeit in der „Ethik". Spinoza hatte guten Grund, sich im Jahre 1070 vorsichtig auszudrücken; das zeigte das Schicksal seines Buches. Er war kein Kämpfer und wollte keinen Kampf, aber er war ein sanfter, stiller und doch unwiderstehlicher Weltbeweger. Für uns Juden finden sich in diesem Buche viel, sehr viel noch ungehobene Schätze. Zwar, direkt wird in den uns erhaltenen Briefen von jüdischen Dingen nur sehr weniggesprochen. Sehr interessant wäre es zweifellos, wenn wir die Antwort Spinozas auf den Brief (IG) hätten, in dem ihn Oldenburg 1005 nach seiner 'Meinung über die damals auf ihrem Höhepunkt stehende messianische Bewegung des Sabbatai Zwi fragt. Als eine indirekte Antwort ist, wie Bluwstein treffend bemerkt, jene berühmte Stelle im 3. Kapitel des Theologisch-politischen Traktats anzusehen, in der Spinoza die Möglichkeit einer Wiederaufrichtung des jüdischen Gemeinwesens bejaht — Aber für ein Judentum, das sich auf seine geistigen Grundlagen besinnt, sind die tiefen Zusammenhänge zwischen Spinoza und dem Geist des klassischen Judentums noch ein weites Feld der Forschung, das leider bisher noch viel zu wenig Bearbeitung gefunden hat. Spinoza ist ein echter Nachkomme der großen Propheten, das leuchtet grade aus seinen Briefen klar hervor. Seine Grundrichtung auf das Sittliche, die ihn veranlaßt hat, seinem umfassendsten Werke den Titel „Ethik" zu geben, ist urjüdisch. Seine Anschauung, daß Glück und Verderben nicht Lohn und Strafe, sondern direkte ursächliche Folgen des sittlichen Verhaltens sind, schließt sich unmittelbar an Fundamentalsätze prophetischer Ethik an, ganz besonders an die Geschichtsphilosophie des hebräischen Prophetentums. Hoffen wir,, daß sich in der jungen Generation bald ein philosophisch und jüdisch geschulter Geist findet, der Spinoza als jüdischen Denker uns nahe bringt. Dem Insel-Verlag wollen wir für die schöne und vornehm gehaltene Ausgabe von Spinozas Briefen von Herzen dankbar sein. Elias Auerbach (z. Z. im Felde). Verantwortlich für die Sehrlftleitung: Martin Goctz, Bcrlin-Charlottenburg. Nachdruck der Beitrüge den Tageszeitungen mit genauer Quellenangabe gestattet. Gedruckt bei Julius Sittenfeld, Ilofbuchdrucker., Berlin W.