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Neue jüdische Monatshefte · 1916-11-10 · Heft 3 (10.11.1916) · p. Seite 78

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 3 (10.11.1916)
Article
Gedanken über das Judentum
Date
1916-11-10
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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70 Ubi bene ibi patria. Wir Zionisten sagen es umgekehrt: Ubi patria ibi bene. Das Ansehen eines Führers steht bei anderen Völkern im geraden Verhältnis zur Stärke seiner Posiulate, beim jüdischen Volke im umgekehrten Verhältnisse. Je mehr dort der Führer für sein Volk verlangt, desto höher steht sein Ansehen. Je weniger bei uns der Führer für das Volk verlangt, desto höher wird er eingeschätzt. Dort wird zum Führer ein Forderer, hier ein Verzicht er. Wenn unsere Führer es dazu brächten, für sich so bescheiden zu sein, so wenig zu fordern, so zu verzichten, wie sie es für ihr Volk tun, - kein Volk hätte bessere Führer, als das unsrige. Wird es je so sein? Nicht von den Führern, von uns selbst hängt das ab. Wir sind wie ein Kinderball. Man wirft ihn auf die Erde und er springt in die Höhe. Je stärker man ihn wirft, desto höher schnellt er empor. Diejenigen, die uns in Tiefen schleudern wollten, haben uns in Höhen emporgebracht. Sie sind wie Bileam, der ausging, um zu fluchen und uns segnete. Die anderen Völker versetzten uns den größten Stoß, indem sie uns Führer geben. Das tut mehr weh, als Ausnahmegesetze und Antisemitismus. Das sind Pogrome gegen unsere Volksseele. Erste Voraussetzung eines Ausgleiches mit den Polen: wir wählen uns unsere Führer selbst. Warum ist bisher kein A u s g 1 e i ch von Juden und Polen zustande gekommen? Weil sie nie miteinander verhandelt haben. Es verhandelte immer nur eine Partei - die Polen mit denjenigen, die sie sich von der anderen Partei ausgewählt hatten. Verständigung kann nur von Volk zu Volk, durch die Aussprache freigewählter Vertreter und legitimer Mandatare erfolgen. Alles andere ist bewußte oder unbewuf3te Verdrehung der Tatsachen. Die Verhandlungen waren bisher ein M o n o 1 o g der Herrschenden und das E ch o der Sklaven. Ernste Verhandlungen können nur Dialog sein.

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