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Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-25 · Heft 2 (25.10.1916) · p. Seite 56

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 2 (25.10.1916)
Article
Geschichtsphilosophie und Judentum [Rezension]
Date
1916-10-25
Page
Seite 56 (sequence 2)
Language
German
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56 Die Juden, in denen sich Christus, das Genie der Menschheit, der Gottmensch sich entwickelt hat, sind nach Huch das Volk der Dekadenz im eigentlichsten Sinne. Unter Dekadenz will sie hier durchaus nicht schlechthin etwas Schlechtes oder Minderwertiges verstanden haben; nur müssen die Dekadenten nicht etwas für sich, etwas neben dem Genie oder gegen das Genie sein wollen, das ihnen vorausging. Die Juden müssen an Christus glauben, ihr Schicksal ist, in der Zerstreuung zu leben, in andern Völkern aufzugehen; sie werden sich dem nicht durch Begründung eines eigenen Vaterlandes entziehen können, weil ihnen dazu die Kraft, der Glaube an sich selbst fehlt. Es ist ein sonderbarer Jrrtum der Völker, aus einer großen Vergangenheit auf eine große Zukunft zu schließen. Das jüdische Volk wurde auserwählt, Christus aus sich zu entwickeln, weil es die stärksten Gegensätze umfaßt, höchste Liebesfähigkeit, den unbedingtesten Glauben, hingebende Opferwilligkeit und teuflische Grausamkeit, Tücke, Hochmut und Unglauben. Diese Gegensätze wurden repräsentiert durch Persönlichkeiten von noch nie dagewesener Verdichtung und Bindekraft, die die ungeheure Idee des einen Weltgotts erst fassen konnten. Ihre gigantische Phantasie stellte die Gestalt Luzifers, des Rebellen, neben Gott und weissagte den Hölle und .Tod überwindenden Erlöser. Aus dem Volk der größten Gegensätze sind die Mutter und der Mörder des Erlösers hervorgegangen .... Das Umherirren des ewigen Juden ist der Wille Gottes, d. h. notwendig, weil die Juden Tropfen ihres Bluts den andern Völkern der Erde mitteilen sollten; es ist Götterblut, wenn auch die Neige. Im Grunde gibt es jetzt keine Juden mehr, so wenig wie es Griechen gibt; was an ihnen lebend war, ist in andern Völkern aufgegangen .... . Dies und noch manch anderer Gedanke über Juden und Judentum steht bei Ricarda Huch zu lesen. Wir weisen darauf hin, aber wir versuchen keine Kritik. Wer möchte Weltanschauung gedanklich widerlegen? Hier ist ja nicht irgendwelche antisemitische (konfessionelle, moralische, ästhetische oder nationale) Befehdung des Judentums oder der jüdischen "Menschen, sondern eine im persönlichen Glauben wurzelnde geschichtsphilosophische Verneinung der jüdischen Zukunft. Widerlegen kann diese Verneinung nur die — Zukunft selbst. Beweisen können wir diese Zukunft nicht. Aber auch dem Zweifler sollte es zu denken geben, daß dieses Volk, gehetzt, gepeinigt, gemordet, zerstreut, von Fremden umworben und um woben, wie kein zweites, immer noch eigenwillig, eigenzügig, eigenwirkend inmitten des Fremden lebt. Sollte dies Leben zwecklos sein? „Heil soll widerfahren durch Deinen. Samen allen Völkern der Erde". Hat sich diese Erzväterverheißung schon erfüllt, wie Luther und Huch meinen, in jenem einen großen Werk, ohne Wissen und gegen den Willen des Volks selbst in unvergleichlicher Tragik? Oder erfüllt sie sich dauernd — gestern, heute, morgen — in der lebendigen Mitarbeit des jüdischen Volks inmitten der Völker an deren Werke? Die Führenden jedenfalls alle, sei es S. R. Hirsch oder Achad Haara oder Hermann Cohen, sie g 1 a u b e n an die Erfüllung in der Zukunft und gründen auf diesem Glauben das Recht des jüdischen Volks auf ein eigenes Dasein. Das Recht und die Pflicht. Sigbert Feuchtwanger (München). Berichtigung zu dem Aufsatz „Zur Aussprache" im Heft 1. Der Druckfehlerteufel, der offenbar Lateinisch*versteht, hat durch Weglassung eines „siw den Sinn des Horaz'schen Epistelbriefes (I 6, 67/68) in sein Gegenteil zu verdrehen versucht. Der Vers heißt: Vive vale, si quid novisti rectius istis Candidus imperti, si non. his utere mecum. Dr. E. Fuchs. Verantwortlich für die Schriftleitung: Martin Goetz, Berltn-Charlottenburg. Nachdruck der Beitrüge den Tageszeitungen mit genauer Quellenangabe gestattet. Gedruckt bei Julius Sittenfeld, Hofbuchdrucker., Berlin W.

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