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Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-25 · Heft 2 (25.10.1916) · p. Seite 55

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 2 (25.10.1916)
Article
Polen : Judenpolitik des Warschauer Magistrats [Nachricht]
Date
1916-10-25
Page
Seite 55 (sequence 2)
Language
German
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55 so bescheidene Wunsch der jüdischen Katsmänner von der Stadtverordnetenversammlung berücksichtigt wird. Für jüdische Schulen, in denen der Unterricht in jiddischer oder hebräischer Sprache gepflogen wird, will man eben kein Geld hergeben. Ebensowenig erfreulich sind die Verhältnisse bei der allgemeinen Stadtverwaltung. Unter den 11000 städtischen Beamten gibt es keinen Juden, wenn man nicht die jüdischen Ärzte im jüdischen Krankenhaus, das eine kleine Unterstützung von der Stadt erhält,- dazu rechnen will. Als die jüdischen Stadtverordneten auf diesen unhaltbaren Zustand hinwiesen, hat sich kein Mitglied des Magistrats verpflichtet gefühlt, auch nur mit einem Wort auf die Beschwerden zu erwidern. Man ging einfach zur Tagesordnung über. Ebenso schlimm steht es mit der Beschäftigung von jüdischen Arbeitern bei den Notstandsarbeiten der Stadt Warschau, für die bereits Millionen ausgegeben worden sind. Es werden augenblicklich etwa 10 -11000 Arbeiter von der Stadt beschäftigt. Nach langen Bemühungen gelang es, zunächst 100 jüdischen Arbeitern Arbeit zu verschaffen. Nach Monaten wurden wieder 100 angestellt, ihre Zahl beträgt augenblicklich höchstens 800. Als man neulich auf dieses Mißverhältnis in der Stadtverordnetenversammlung hinwies, hielt wiederum kein Mitglied des Magistrats für nötig, eine Antwort zu erteilen. Unter den 20 Magistratsmitgliedern befinden sich nur zwei Juden. Der eine von ihnen wurde in die Finanzkommission gewählt, dem anderen die Kanalisation unterstellt. Die verschiedenen Kommissionen des Magistrats setzen sich zusammen: 1. aus den Mitgliedern des Magistrats, 2. Stadtverordneten und 8. aus Vertretern der Bürgerschaft, die von den Präsidenten der Stadt ernannt werden. Augenblicklich fungieren als Vertreter der Bürgerschaft 40 Kommissionsmitglieder, darunter nur vier Juden. Bei der Ernennung auch dieser vier Juden trat klar die Absicht zu Tage, sie den Kommissionen zuzuteilen, die mit der Lage der Juden in Warschau nichts zu tun haben. Als z. B. ein bekannter jüdischer Politiker den Wunsch äußerte, einen Juden in die Handelskommission hineinwählen zu lassen, wurde ihm dies abgeschlagen. Gleichzeitig wurde in der Kommission der Vorschlag gemacht, in der Handels-Passage, Gostinnyj Dwor, die christlichen und die jüdischen Läden von einander zu trennen. Eine solche Maßregel würde eine Art von Handelsghetto schaffen! ODOIJOIIOIIGBtlDGIiOI] Liierahirblatt QB 0 0 03 00 0 HD Gcsdiidiisphilosophic und Judentum. Das neueste Werk Ricarda Huchs1) ist weit mehr als — worauf der Titel deutet — eine populäre Darstellung der Lutherschen Theolologie. Ricarda Huch, die — fast wunderbar — gelehrtes Wissen, Ideenreichtum, Phantasie und Gestaltungskraft in sich vereint, handelt in diesem Buch gedanklich so tief wie künstlerisch reizvoll über Gott und die Welt, über Tugend und Sünde, über Natur und Geist, 'Mann und Weib, Liebe und Ehe, Christentum und Judentum. Letzteres ist Anlaß, über das Buch an dieser Stelle zu reden (womit nicht gesagt sein will, daß- *) „Luthers Glaube, Briefe an einen freund* im Inselverlag (Leipzig 1916), 271 S., geheftet M. 4,— in Halbperg. IviT 6,—. sein übriger Inhalt weniger lesenswert sei). Ihre Weltanschauung ist es, die Ricarda Huch in „Luthers Glaubeu niedergelegt hat. Es kann heute, insbesondere in der christlichen Welt, keine Weltanschauung geben, die nicht eine Wertung des Judentums, das diese Welt so wesentlich mitgeschaffen hat, in sich schlösse. Huch knüpft-an Luthers bekannte Stellung zum Judentum an: er hoffte die Juden für seine reformierte, auf die Bibel zurückgeführte Religion zu gewinnen und ward, als die Hoffnung ihn täuschte, grimmer Feind der Juden, die ihr Eigenstes verleugneten und Gottes Willen sich entgegenstemmten. Sie vertieft dieses Urteil geschichtsphilosophisch:

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