Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1938)
- Article
- Geschichten vom Chofez Chajim
- Date
- 1938-10-01
- Page
- 304 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mit einem Lächeln: „Meint Ihr, eines Druckfehlers halber gräme ich mich? Bewahre mich der Himmel davor! Ich fürchte, der Druck er eibesitzer erfährt davon und entläßt den Setzer, der gewiß noch kleine Kinder hat und sie ernähren muß... Helft mir, ratet mir, was ich tun soll, um das zu verhindern! Vor dem Drucker verbergen kann ich's doch auch nicht!" Die Sache lief so aus, daß der Chofez Chajim zum Besitzer der Druckerei ging und ihm das Ehrenwort ahnahm, daß der Setzer des Druckfehlers halber nicht sollte zu leiden haben. Der Bestand der Welt Am Jörn Kippur-Ausgang eilen alle Juden nach Hause, zum „Anbeißen". Nur die Studenten der Jeschiwa von Radin, die Schüler des Chofez Chajim, beginnen nach dem vierundzwanzigstündigen Fasten zu lernen. Denn auf dem Tora-Lernen „ruht der Bestand der Welt", und wenn ganz Israel ißt, kann also die Welt keinen Bestand mehr haben. So retten die Radiner den Bestand der Welt. # Den Chofez Chajim zeichnet vor andern jüdischen Gelehrten, Lehrern und Moralisten das aus, daß er ernstlich versuchte und imstande war, das moderne Leben des Alltags und echte Jüdischkeit zu vereinen, ganz sachlich nüchtern und korrekt, ohne weltfremde Verstiegenheiten. Er fing beim Kleinsten an und beachtete mit pfleglicher Aufmerksamkeit die scheinbar so winzigen Probleme des täglichen Lebens, in der Voraussetzung, daß im großen ganzen und vor Gott nur sauber bestehen kann, wer im kleinsten Alltäglichen und vor den Menschen als sauber besteht. Für all das fand er in der jüdischen Überlieferung Anweisung, Gesetz und Bestätigung — man müsse sie nur anwenden, meinte er. Wie das möglich und nötig ist, erhellt aus jedem Zug, der von ihm erzählt wird, aus jeder seiner Äußerungen, nicht zuletzt aus seinem Buch für jüdische Soldaten mit genauen Hinweisen, wie man sich beim Militär zu verhalten habe, um weder die jüdischen noch die dienstlichen Vorschriften zu übertreten. Bei alledem kam es ihm auf den Kern der Jüdischkeit an. Ein Journalist interviewte ihn, wie man heutzutage ganz Jude sein könne. Man müsse, sagte der Chofez Chajim, nur halten, was im Schulchan Aruch steht. Alles?, fragte der Journalist. „Wenn Ihr zum Apotheker kommt und hundertprozentigen Alkohol ver-» langt", sagte der Chofez Chajim," „so bekommt Ihr ihn. Ob Ihr ihn unverdünnt vertragt, das müßt Ihr selbst Euch fragen."Leo Hirsch Messianisdie Texte Der biblische Messianismus, welcher ursprünglich noch keinen eschatologischen Charakter trug, wandelte sich, als die konkrete Hoffnung auf den Messias, den gesalbten König, sich nicht in unr mittelbarer Nähe zu verwirklichen schien. Nach der Tempelzerstörumg trat der Gedanke an den Messias immer stärker in den Vordergrund der jüdischen Lehre und bestimmte die Lebensauffassung des Judentums. Die mündliche Lehre beschäftigt sich in vielen halachisch bestimmenden und agadisch deutenden Teilen mit den biblischen Verheißungen, und Kabbalisten ver- 304