Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1938)
- Article
- Brief an die Redaktion
- Date
- 1938-10-01
- Page
- 277 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Brief an die Redaktion noch die ganze unterirdische Scheu vor der Endgültigkeit des geprägten Wortes eigen, vor seiner Zauberkraft, vor der enthüllenden Wahrheit, die ihm innewohnt und die es wirkend ausstrahlt. Ich muß Ihnen ehrlich sagen, ich selbst wäre niemals auf den Gedanken gekommen, hätte nie den Mut gehabt, etwas aus meinem eigenen Fachgebiet oder gar aus der „Tiefe des Gemüts" für druckfähig — und dazu noch im „Morgen" — zu halten, wenn ich nicht eines Tages in der Redaktion folgendes erlebt hätte: hilfsbereite Freunde schickten mich für einen Rat in meiner Umstellungssituation zu Ihnen; nachdem Sie meine Aufzeichnungen gelesen hatten, kamen Sie in ein Gespräch mit mir, das heißt, Sie tauten mich ein bißchen auf, so daß ich auf Ihre mir ganz überraschende Frage, ob ich wohl schon einmal etwas Längeres geschrieben hätte, ehrlich mit Ja antwortete. Nicht genug mit dieser Ueberrumpelung fanden Sie es wünschenswert, daß meine ganz privaten Aeußerungen, als ich sie Ihnen zaghaft brachte, in Ihrer Zeitschrift erscheinen sollten. Noch jetzt wundere ich mich heimlich über diese Ihre Meinung. Aber dafür sind Sie vielleicht Redakteure und haben ein Ohr zu hören, wo Privates aufhört nur für den Einzelnen wichtig zu sein, und ein Allgemeineres aus dem Menschen spricht. Aus jener Begegnung und meiner Erfahrung daran will ich Ihnen heute nur sagen, daß ich meine, es müsse noch mehr Menschen geben, die in tiefer, ernsthafter Bemühung zu echten Erkenntnissen gekommen sind, welche auch für andere Menschen förderlich und hilfreich sein können. Ich möchte nun erfahren, wie andere Menschen, die sich ehrlich um objektives Erkennen und wahres Verstehen bemühen, die Jetztzeit begreifen. Und auf diese Frage: Wie erscheint die Gegenwart dem Einzelnen, dem Laien aufschlußreich und sinnvoll, als besondere Botschaft an uns Juden? — darauf hörte ich gern die Antwort anderer, sich mühender und angerührter? Seelen. Sie werden, meine ich, an den Antworten mit redaktionell geschärften Augen, mit dem Ohr des wortliebenden Zuhörers wahrnehmen, welchen Menschen sich da und dort aus unserem Geschick Erkenntnis eröffnet hat und wer in der einfachen Sprache der Wahrheit davon Zeugnis gibt. Abgesehen davon, daß meine Einzelseele sich danach sehnt, von anderen Seelen zu erfahren, wie sie gelitten, erkannt und überwunden haben,- um mit neuer Kraft sich zu erheben, so bleibt Ihnen ja offen, diesen Menschen, wie damals mir, überraschend die Frage zu stellen: Haben Sie nicht schon mal etwas Längeres geschrieben?! Ein dankbarer Leser und Schreiber 272