Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1938)
- Article
- Die Harfen von Ur
- Date
- 1938-08-01
- Page
- 220 (sequence 2)
- Language
- German
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Nebukadnezars II. (604—561), des Zerstörers Jerusalems. In der Totenstadt des Tempelbezirkes, beim Heiligtum des Mondgottes Sin ruhten in unterirdischen Grabgewölben die vergöttlichten Könige der Dynastien von Ur, unzählige vergessene Urengur-, Ur-namu - Namen, der „starke Krieger, König der vier Weltteile", und die frommen Könige mit dem Namen ihrer obersten Gottheit Sin verbunden, Amar-sin, Bür-sin, Gimil-sin und Ibi-sin. Dort fand man auch Shub-ad's Grab, die gemauerte Königinnengruft mit den köstlichen Harfen von Ur: mit Gold und Silber beschlagen, farbensprühend im Mosaik von Perlmutter und Lapis Lazuli, voll seltsam fantastischer Anmut der bunt belebten Bilder, die uns Spätgeborenen magische Zeremonien, Siegesfeiern und die Riten der Totenfeste bewahrt haben. Wie in neu erweckter zaubervoller Magie entstand auch aus Trümmern und dem Staub der Jahrtausende ein bisher nur im Geist geschautes, uralt überliefertes Bild: ein Widder im Busch verstrickt. „Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hangen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt" (1. Mose, 22, 13). In dunkler Bläue des Lapis Lazuli, vom hellen Schmelz der Perlmutter überglänzt leuchtete das Mosaik vom Resonanzboden einer Harfe. Vor diesem Bild der Wiederkehr uralten Geschehens verblaßt das Gold der vielen anderen Harfen in allen Gräbern der sumerischen Könige von Ur: Harfen mit dem Kopf des heiligen Stieres, prachtvoll aus Goldblech geformt, mit Silber und Muschelstücken eingelegt, und Bildermosaik voll unwahrscheinlicher Lebendigkeit, Skorpionenmenschen, Magier und Barden im Maskenbild der heiligen Tiere. Die hölzernen Teile der Harfen sind längst zerfallen, doch die Kunst der Erhaltung ausgegrabener Herrlichkeiten ist groß genug, die feinste Spur bewahren zu können, selbst die zehn feinen Striche zu Staub gewordener Harfensaiten. Aber das ferne ungedeutete Symbol des im Busch verstrickten Widders ist in Ur noch einmal erstanden, auf einem Standbild aus einem Königsgrab, einem magisch bewußten Werk uralter Künste, das alle Schauer und Demut umwittern, Zauber und Erhebung dieses götterreichen Kultes. Blau starren die erschrockenen Widderaugen, und blau aus Lapis Lazuli windet sich das Gehörn gefangen im goldenen Busch. Silbergehämmertes Vlies umkleidet den hoch aufgebäumten Tierleib, golden ist sein schmaler, schmerzhaft erhobener Kopf, und in dunkler Bläue des Halbedelsteins kräuselt sich das lockige Schulterfell. Die Harfen von Ur sind lange, wohl seit mehr als fünf Jahrtausenden verstummt. Jede Deutung der dunklen Zusammenhänge zwischen den Bildern in Ur, der Heimat Abrahams, und dem Widder seines Brandopfers auf der Höhe des Berges Morija, da er ein Fremdling war „in der Philister Lande eine lange Zeit", verliert sich suchend im Ungewissen. H erta Kanner 220