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Der Morgen · 1938-08-01 · Heft 5 (August 1938) · p. 216

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 5 (August 1938)
Article
[Rezension]
Date
1938-08-01
Page
216 (sequence 2)
Language
German
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haltung, die für einen neuzeitlichen Humanisten möglich ist, denn sie beruht nicht nur auf einem wertmäßigen Vorziehen der Kultur-und Bildungsgüter vor anderen Gütern, ist also nicht nur bedingt durch persönliche Neigung und Struktur, sondern sie resultiert zugleich aus einem tiefen Durchschauen der geschichtlichen Welt und der Lebensmöglichkeiten, die sich in der Zukunft jeweils anbieten können. Der Gleichmut des stoischen Philosophen, der sich von keiner „Magie des Extrems" (Nietzsche) betören läßt, und die bewußte Enthaltung von der Geschichte, um durch eine freimütige „Taxation des Lebens" das Irdische zu überwinden, drückt aber, was auch Burckhardt bewußt war, gerade eine typisch geschichtliche Verhaltensweise aus. Sie steht keinesfalls jenseits der Geschichte, sondern kommt zumeist in Spätkulturen auslaufender Geschichtszeiten vor und kann darin geschichtlich gefordert sein. So wenig Loewiths Neigung gutgeheißen werden kann, eine Notlösung zur ewig-menschlichen Position zu verabsolutieren, so sehr muß eben darum an der Klassifikation eines Spät humandsten festgehalten werden. Das „Ewige im Menschen", das sich in etwa neben der Geschichte behaupten könnte, kann niemals etwas „nur" Menschliches sein, wie auch keine Anthropologie je eine Qualität am Menschen entdecken können, die sich so transzendieren ließe, daß sie als „ewig" gelten darf. Gescbichtsjenseitig ist in Wahrheit immer nur die Offenbarung, weil sie Wahrheit jenseits der Geschichte offenbart, sei es, daß sie im jüdischen Verstand als Forderung aus einer anderen Welt die Geschichte aufgerufen hat, oder sei es gar, wie das Christentum behauptet, daß die Wahrheit sich ins Fleisch herabgelassen hat, und das Ewige in der Geschichte gegenwärtig wurde. Aber gerade das konnte der Historiker, der wohl die politischen und kulturellen Wirkungen des Christentums erkannte, nicht mehr erkennen, da er sich zum eigentlichen Phänomen zeitlebens nur als anerkennend Betrachtender, nicht als bekennend Glaubender verhielt. Gerade dieses „existenzielä" andere Verhältnis zu Geschichte und Übergeschichte hätte die von Loewith unternommene Konfrontation Burckhardts mit Kierkegaard noch intensiver verdeutlichen können. Mit diesen prinzipiellen Bemerkungen zum Standort des Verfassers soll nicht seine Leistung geschmälert oder die Bedeutung, seines Werkes für die Burckhardtforschung verkleinert werden. Im Gegenteil ist es Pflicht, zu erklären, daß dieses sprachlich gepflegte und terminologisch saubere Buch einen wesentlichen Abschnitt für die geistesgeschichtliche Erforschung des 19. Jahrhunderts, vielleicht sogar den einstweiligen Abschluß des Kapitels über Jacob Burckhardt bedeutet. Besonders die Korrektur Nietzschescher Urteile, in deren Licht Burckhardt weithin gesehen wurde, wie auch das besonders interessante Kapitel über Hegel und Burckhardt in ihrem verschiedenen Verhältnis zur Geschichte werden von bleibendem Werte sein. Hans Joachim Schoeps 216

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