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Der Morgen · 1938-07-01 · Heft 4 (Juli 1938) · p. 151

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 4 (Juli 1938)
Article
Salomon Maimon
Date
1938-07-01
Page
151 (sequence 5)
Language
German
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Solomon Maimon „Kritik der reinen Vernunft", und einen „Versuch der Transzendentalphilosophie" geschrieben. Die Kienspäne an den Wänden gössen ein trübes, rauchiges Licht in die Kneipe. Auf Maimon9 Tisch sammelten sich die Punschflaschen. Ein magerer, dürrer Mensch, der ihm mit der Anhänglichkeit eines Hundes folgte, hing an jedem seiner Worte. Wie vor einem großen Hörerkreis dozierte Maimon hinter den Flaschen. Er, Maimon, habe Kants Werk auf sonderbare Weise studiert. Beim ersten Lesen habe er von jeder Abteilung eine dunkle Vorstellung bekommen, sie sich durch eignes Nachdenken deutlich zu machen gesucht, und da er auf ähnliche Weise Spinoza, Hume und Leibniz gelesen, auf ein System gedacht, das alle Systeme vereinigte: seine Transzendentalphilosophie. Aber es herrsche noch keine rechte Ordnung darin, und noch sei es ihm nicht gelungen, das Ganze in eine gehörige Harmonie zu bringen — einer seiner Rezensenten führe es auf den. Rabbinismus zurück. Der magere, dürre Mensch an seinem Tisch war eingeschlafen, der Unterkiefer stand aufgeklappt, so daß es schien, als ob er noch im Schlaf den Sprecher mit offenem Mund bewundere. Am Nachbartisch saß eine Gruppe Leineweber. Einer griff in die Tasche, zog eine Münze hervor und rief Maimon zu: „He, Jude, sage mir doch, was ist das Stück Geld wert?!" „Das weiß ich so wenig als Er", antwortete Maimon unwirsch und sah nicht von seinem Glase auf. „Hundsfott, wie kannst du mich Er heißen!", schrie der andre. Der Wirt trat schnell hinzu, flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er wurde ruhig. Als Maimon sich dann mit seinem Jünger entfernte, hörte er, wie jener hinter ihm sagte: „Das sieht der Teufel dem Kerl nicht an!" Die beiden gingen nach Moabit, wo Maimon eine Dachkammer bewohnte. Eine Kollekte unter seinen einstigen Wohltätern hatte wenigstens dafür die Miete zusammengebracht. Auf der Straße spann Maimon das Thema fort und gestand, daß ihm noch so manches von alten Zeiten her eigen wäre. Er hätte einmal von einem Manne gehört, der früher lange Kapuziner gewesen und seine Schnupftabakdose damals stets in der Kutte hinten aufbewahrt hielt. Lange Zeit später, als er bereits bürgerliche Kleidung trug, konnte er sich noch nicht an die Seitentaschen gewöhnen, griff, wenn er die Dose suchte, nach hinten und warf sie, nachdem er eine Prise genommen, hinter sich weg. Und aufbrausend über den Vorwurf der fehlenden Harmonie seines Systems schrie Maimon plötzlich: „Dummes Zeug! Was heißt Harmonie? Harmonie?!" „Harmonie, Harmonie", rief eine unbekannte Stimme neben ihm, „will der Jude wohl bei nachtschlafender Zeit in Teufels Namen das Maul halten?" Es war der Nachtwächter. (Schluß folgt) ISi

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