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Der Morgen · 1938-06-01 · Heft 3 (Juni 1938) · p. 132

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 3 (Juni 1938)
Article
An der Schwelle unbekannter Gesetze
Date
1938-06-01
Page
132 (sequence 2)
Language
German
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gefundenen „Gesetz der Absichtlichkeit" ein paar persönliche Beobachtungen hinzuzufügen. Es gibt Leute, die behaupten, daß wenn sie auf die Straßenbahn warten, die Wagen immer in entgegengesetzter Richtung fahren. Und da ich selber zu diesen Leuten gehöre, habe ich kürzlich versucht, das Schicksal dadurch zu überlisten, daß ich absichtlich bei dem in entgegengesetzter Richtung führenden Geleise wartete. Was geschah? Das Schicksal, das bekanntlich nicht mit sich spaßen läßt, verursachte eine Verkehrsstörung: alle Linien lagen still! Man wird zugeben, daß es sich hier um etwas Gesetzmäßiges handeln muß. Und ich bin um so mehr geneigt, dies zu glauben, als ich den Spuren dieses Gesetzes auch schon anderweitig begegnet bin. Treffe ich da zum Beispiel kürzlich jemanden auf der Straße, ein Kind aus meiner Klasse. Und wie wir gemeinsam auf den Bus warten, erzählt sie mir rasch eine gedrängte kleine Familienchronik: sie geht in 14 Tagen nach Sidney, ihre Schwester ist in Buenos Aires verheiratet und ihr Bruder ist Ingenieur in Haifa. Und die Mutter? „Ja, denke bloß, die ist auch in Haifa und hat sogar jetzt bei einem Arzt eine Stellung gefunden ..." Man überlegt ein bißchen. Diese Mutter hat man zwar nur ganz flüchtig gekannt, ja, wenn man aufrichtig sein soll, so erinnert man sich ihrer kaum noch. Aber nun gewinnt sie plötzlich wieder Leben für uns. Und das eben Gehörte berührt uns wie ein linder kleiner Trost. Zu denken, daß eine Frau von mehr als siebzig Jahren dort drüben noch Beschäftigung gefunden hat — da werden wir doch, die wir noch jung sind, nicht beiseite stehen müssen? Wie von einem Zauberstab angerührt verwandelt sich plötzlich der Himmel. Eine große, graue Wolke, eben noch drohend über unserem Haupte, zerstiebt in nichts. Und am Horizont steht, klar und deutlich, ein heller Silberstreif... Oder man erlebt dies: Wochenlang haben wir korrespondiert und geschrieben, um uns über die klimatischen Verhältnisse in einem südamerikanischen Land zu orientieren. Der Atlas mußte herhalten, und der Globus und alle nur erdenklichen Informationsschriften wurden gewälzt. Resultat: es ist heiß dort unten. Sehr heiß. Und es ist die Frage, ob man es wird wagen können. Da kommt, mitten hinein in diese Überlegungen, ein Brief aus Neuseeland. Freunde, vor Monaten eingeschifft, sind glücklich gelandet. Und nun berichten sie von der Reise, dieser zauberhaften Fahrt, vorüber an drei Erdteilen. „... übrigens ist", schreiben sie, „die Fahrt durchs Rote Meer gar nicht so schlimm gewesen, wie wir uns das ausgemalt hatten." Unsere Herzen tun einen Sprung. Gewiß, es ist heiß in Südamerika — aber wenn selbst die Fahrt durchs Rote Meer erträglich war ... Die tröstliche Nachricht beginnt zu wirken. Und wieder einmal wird das Gesetz der Absichtlichkeit dankbar angenommen. Ein bißchen einfacher könnte man dafür sagen, daß der Zufall einen Sinn hat, wenn man ihm einen gibt... V. C. 132

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