Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1938)
- Article
- Die Gesichter
- Date
- 1938-06-01
- Page
- 101 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895583-2908262--10645-2908306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Gesichter Oh, die Verbrechen der geheimsten Stunden Schreien laut aus Runzeln und Blick Und hinter Brillen droht das Geschick, Und hinter Schleiern narben eure Wunden. Du Kellner mit den müden Augen schweigst, Du Dichter hast den herben Mund vom Wissen Und ahnst nicht, wem du dich verlangend neigst; Du bist vor Sehnsucht nach der Welt zerrissen. Du Mannsgesicht schaust gierig nach der Dirne, Du Dirne hast von keinem Mann genug. Und deine vielgefurchte Stirne, Du alter Mann, verrät mir deinen Fluch. Ihr Vielen, die ihr selbst nicht von euch wißt, Ein jeder fliehet immer vor sich selber, Und was an eurem armen Herzen frißt, Macht euer Antlitz welker noch und gelber. Hergeflüchtet seid ihr zueinander, Aber Zuflucht dürft ihr euch nicht sein. Niemals seid ihr euch verwandter, Als wenn Einsamkeit euch drückt wie Stein... Und bin ich selbst nicht hergekommen, So wie ihr ein maskenhaftes Du? Schaudernd, von dem eignen Blick benommen, Fremd schau ich und kühl mir zu. Seid nicht ihr in mir gespiegelt, Werd' ich euch niemals entsiegelt, Ohnmächtig Rätsel unterm Tag, Spürt ihr nicht meines Bluts verwandten Schlag? Ich bin euch brüderlich gemäß, Bin so wie ihr auch aufgebaut, Von bösen Nächten ausgelaugte Haut Und bin der Sehnsucht reicherfüllt Gefäß. Kann euch das knöcherne Gesicht Auch meiner letzten Stunde nicht erscheinen, Hört ihr nicht Stimmen um mich weinen Des Scheideabends, der das Auge bricht!