Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Zwei Welten
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zitierung des altjüdischen Rechts selbst zur Klärungder Rechtsfrage beitragen. Das war unserem selbstbewußten Anwalt noch nicht begegnet! Mit mildem Verweis schielte er über seine goldne Brille: „Lieber Freund, wenn Sie vor einem deutschen Gericht stehen, interessiert Ihr Talmud keinen Menschen. Ich werde mir den Fall überlegen, kommen Sie morgen wieder" (und murmelte etwas von ,lebensfremder Kasuistik'). Am nächsten Morgen saßderRebbe wieder geduldig und ergeben im Büro. Triumphierend verkündete Andre Maurois als Unter den Vertretern der sogenannten „historischen Belletristik" steht der französische Jude Andre Maurois (eigentlich Emile Herzog) an führender Stelle. So umstritten die Gattung als solche sein mag, so wenig ist gegen seine persönliche wissenschaftliche Zuverlässigkeit einzuwenden. Seine historischen Bücher sind keine „Dichtungen" mit historischen Stoffen, wie sie den historischen Romanen oder Dramen von früher entsprechen und heute die Form von Monographien oder Biographien angenommen haben. Maurois setzt die Ergebnisse der exakten Forschung voraus und benutzt sie, mit einer Kunst der Darstellung, die der seiner Vorgänger meist überlegen ist — es sind ja Zufälle und Glücksfälle, wenn Geschichtsforscher zugleich bedeutende Geschichtsschreiber sind. Vor dem bloßen Kompilieren bewahrt ihn die Einfühlungsgabe des dichterischen Menschen, und das Dichterische steht ihm im Dienst der Wahrheit: in seinem neuesten Werk, ihm der Anwalt: „Sie können sich beruhigen. Es wird Ihnen nichts geschehen", und setzte dem bedrückten Manne auseinander, daß nach Paragraph soundso eine Haftpflicht nicht besteht, die über die Obhutspflicht für den eignen Besitz hinausreicht. Da er gleichzeitig bestohlen wurde, sei er nicht zum Ersatz des Schadens verpflichtet. Der Raw hat die ausführliche juristische Belehrung gelassen angehört. Dann spricht er lächelnd die dem Anwalt unvergeßlichen Worte: ,1m Talmud steiht genau so.' F. N. Geschichtsschreiber einer „Geschichte Englands" (Bastei-Verlag, Wien 1938), dringt er geradezu bis zu dramatischer Verdichtung vor. Es ist gewiß kein Zufall, daß Maurois' schönstes Buch und größter Erfolg (neben dem Roman „Wandlungen der Liebe") sein „Disraeli" gewesen ist, aber es ist durchaus nicht ausgemacht, ob dieser jüdische Held Maurois ebenso gelegen hätte, wäre er kein Engländer gewesen. Englisches hat den Autor seit jeher angezogen. Als ein Mann, der weiß, daß „jede Wahrheit nur für die eigne Nation gilt", fragt er in einem seiner Bücher einmal: „Bei aller Verschiedenheit, brauchen wir einander nicht zur Ergänzung wie eine Note die andre?" und rührt damit an das Geheimnis der Gemeinsamkeit der westlichen Kultur, durch das eine Politik von genau vier Jahrzehnten (nach dem Zusammenstoß zwischen Kitchener und Marchand bei Faschoda) eine jahrhundertealte Er- 86