Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Termine des Herzens
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 84 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mit flammendem Schwert vor jedem geliebten Wesen, leidenschaftlich bereit, es bis zum Äußersten zu verteidigen. „X. hat nicht geschrieben...? O, er wird schon noch schreiben. Heute, morgen, irgendwann. .." Wir übten, wo wir liebend verehrten, Nachsicht, die ins Grenzenlose ging, und die Termine unseres Herzens standen auf keinem Kalender. Wir erfanden Havarien und Generalstreiks, nur um vor uns selber zu beweisen, daß ein gewisser Brief noch gar nicht da sein konnte. Und kam einmal ein Anruf nicht, auf den wir sehnsüchtig gewartet hatten, dann stürzte zwar eine Welt über uns zusammen, aber auf den Trümmern dieses Ereignisses blühte doch sehr bald die holde Blume Verzeihung. Und nun entspannen wir doch einmal unsem Himmel und erinnern wir uns jener Zeiten, da unsere Herzen geduldig waren und zur Nachsicht geneigt. Legen wir die Kalender still beiseite und warten wir mild, bis ein Termin sich erfüllt. Denn irgendwann einmal wird auch Mr. Cahn antworten. Irgendwann einmal... Vera Craener Schalom Ben-Chorin, Kritik des Esther - Baches. Eine theologische Streitschrift. Verlag Heatid, Jerusalem 1938. In der Estherrolle wird nicht von Gott gesprochen; nur ein Satz (4,14) scheint auf die Existenz dessen, der seinem Volke Hilfe zu bringen vermag, hinzuweisen. Das Buch fällt also aus dem Rahmen der Schrift, welche die Geschichte der Begegnungen Gottes mit Jisrael berichtet. Diese Stellung hat zu Diskussionen und zu scharfer Kritik Anlaß gegeben. Über die Aufnahme in den Kanon wurde gestritten, die Targumim enthalten lange und ausführliche Paraphrasen, und die alten Erklärer suchen von irgendeiner Seite das merkwürdige Faktum dieses Buches zu verstehen. Tatsache ist: das Buch Esther steht als letzte der nach dem Jahresablauf ihrer Verlesungen geordneten Rollen in der Bibel, ist von den alten Lehrern aufgenommen, von Generationen übernommen und lebendig erlebt worden und gehört seit Jahrtausenden in den Ablauf des jüdischen Lebens. Schalom Ben-Chorin greift in seiner „Kritik des Estherbuches" das Buch und das Purimfest aufs schärfste an. Mit dem Pathos des sich seiner Grundlagen sicher fühlenden Theologen wirft er dem Buche das Fehlen jeder ethischen Vorstellung vor. Esther und Mardochai sind keine „Helden", handeln nicht nach sittlichen Maßstäben oder religiösen Überzeugungen. Ihr jeweiliges Eingreifen stützt sich auf die Gegebenheiten des Augenblickes, den sie höchst vorsichtig zu ihren Gunsten zu wenden trachten; sie sind Opportunisten, kleinliche Kriecher, die ihre neugewonnene Macht ausnutzen. Der Wert des Buches liegt für Ben-Chorin nur in der Verflechtung einzelner Motive zu einer genialen Novelle. Buch und Fest müßten also, fordert er, ihren kanonischen Charakter verlieren; ein Synhedrion solle das Estherbuch nach neuer Prüfung aus der Reihe der biblischen Bücher streichen. Zu gewagt ist diese Forderung. Die Schrift hat sich in ihrer überlieferten Form mit allen Kapiteln, die uns zum Ärgernis geworden 84