Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Stimmen über der Zeit
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 45 (sequence 1)
- Language
- German
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DER MORGEN / Monatsschrift der juden in Deutschland BEGRÜNDET VON PROFESSOR DR. JULIUS GOLDSTEIN. DARMSTADT 14. JAHRGANG MAI 1938 HEFT 2 Stimmen über der Zeit Die Stimme von Sinai: In deiner Bedrängnis, wenn dich alle diese Dinge treffen in späten Tagen, dann wirst du zurückkehren zum Ewigen, deinem Gott, und auf seine Stimme hören. (5. M. 4, v. 30) Die Stimme der Verzweiflung: O wär verloren doch der Tag, da ich geboren, Die Nacht, die sprach: Empfangen ward ein Sohn! Wär jener Tag im Dunkeln doch geblieben, Daß Gott da droben nicht nach ihm gefragt, Daß nimmer Morgenlicht an ihm erstrahlt. Hätt Finsternis, Toddunkel ihn befleckt, Gewölk ob ihm gelagert,-- (Hjob 3, v.3—5) Wozu doch gibt dem Leidenden er Licht Und Leben dem verbitterten Gemüt? Die harren des Todes, der nicht kommt, Ausschauen nach ihm, mehr als nach Schätzen — — Frohlockten, kennten sie ihr Grab-- Drängt vor mein Brot ja sich mein Seufzen, Wie Wasser strömt meine Klage hin. Denn wo ich bangte — nun ists eingetroffen, Was ich gefürchtet — kommt nun über mich. — — (v. 20—22, 24—26) Wenn meinen Schmerz man wiegen könnt, Und auf die Waage legen meine Qual gesamt, So wär sie schwerer als der Meeressand-- O möchte doch mein Wünschen sich erfüllen Und meinem Hoffen Gott Gewährung leihn, Gott sich entschließen, mich zermalmen, Die Faust enthemmen, um mich zu vernichten. — — Wo hätt ich Kraft, daß ich noch hoffte, Was wär mein Zweck, zu harren in Geduld? Ist meine Kraft denn steinern, Ist mein Leib von Erz?-- (6, v. 2—3, 8—9, 11—12) 45