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Der Morgen · 1938-04-01 · Heft 1 (April 1938) · p. 44

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 1 (April 1938)
Article
Gedankenpost
Date
1938-04-01
Page
44 (sequence 2)
Language
German
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pferden ernennen und gegen geringes Entgelt — denn allein die Menge soll es machen! — mit anderer Leute Nachrichten in die Welt hinausschicken. Ich will dieses Unternehmen bei keiner irdischen Behörde anmelden, denn Gedanken sind, soviel mir jedenfalls bekannt ist, frei und nicht konzessionspflichtig. Dagegen verspreche ich der Reichspost und ihrem Jungen, dem gelben Luftpostbaby, nur dringliche Nachrichten mit Gedankenpost zu expedieren. Aber: was dringlich ist und was nicht, bestimme ich, die Unternehmerin. Denn darüber wollen wir uns doch klar sein: kein in Deutschland lebender jüdischer Mensch wird es unversucht lassen, mir diese oder jene Nachricht zur Beförderung „per Gedankenpost" vorzulegen. Welches Unternehmen kann wohl, wie meines, in iy2 Sekunden (Blitzbeförderungen gegen geringen Zuschlag entsprechend schneller) Wünsche, Grüße, sorgenvolle Anfragen und Küsse an all jene in die Weite hinaus bestellen, die mit Zügen erst und dann mit Schiffen viele lange Tage reisen mußten, auf den bekannten und auf den entlegeneren Aus Wanderungsstrecken zwischen Hamburg und der Unerreichbarkeit? Ich habe sogar lange geschwankt, ob ich Küsse nicht grundsätzlich) portofrei befördern soll, erstens um auf diese Weise meinem sozialen Empfinden Ausdruck zu verleihen, dann aber ferner auch, weil ich hin und wieder davon sprechen hörte, daß Küsse heutzutage nach Ansicht vieler Leute kein großes Gewicht mehr hätten, — und im Postverkehr geht ja alles nur allein nach dem Gewicht. Indessen darf und soll man ein neues Geschäft nicht mit Gratisleistungen eröffnen wollen, und ich bin entschlossen, keinen Freiversand von Küssen aller Art einzuführen. Es wird so und so ein rechter Ansturm auf meinen „Schalter" herrschen, sicherlich. Ja, ich höre sogar schon sehr deutlich einen nicht eben intelligenten jungen Herrn durch die Menschenmenge rufen: „Bitte, wann geht der nächste Gedanke?" Dabei ist es doch gerade der Witz meines Unternehmens, daß der Gedankenpost-Verkehr weder an Regeln noch an Planmäßigkeit gebunden ist. Ich habe ohnedies einen ganzen Kopf voller Gedanken und brauche nur aufs Willensknöpfchen zu drücken, damit einer davonsause... Ach, ihr lieben Leute, wahrlich, das Geld liegt auf der Straße herum! Ich schichte auf eine unsagbar günstige Weise um, indem ich mich bemühe, bei der Berufswahl nicht nur meinen eignen inneren Anlagen, sondern auch den Bedürfnissen der jüdischen Öffentlichkeit nachzugehen. Drei Stunden erst sind vergangen, seit ich die „Gedankenpost" eröffnete, und schon wurden ungezählte Sendungen besorgt bis zum Fernen Osten hin. Eine Sammelladung nach USA. hat sich leider nicht bewährt: die allzu große Last hat meinen besten Gedanken das Rückgrat gebrochen, und tausend Grüße und Küsse aus der früheren Heimat sind leis auf den Broadway hinabgeflattert. Für die Zukunft werde ich also nur noch besonders widerstandsfähige Gedanken in meinen „grenzenlosen Postdienst nehmen. M. L. 44

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