Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Der Zionismus als säkularer Idealismus und als religiöse Bewegung
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 14 (sequence 10)
- Language
- German
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Jakob Picard gerade weil wir alles getan haben, wurde das jüdische Schicksal wieder deutlich sichtbar. Der Weg in die politische Arena der Weltvölker ist uns versperrt Hinter diesem Nein beginnt der neue Abschnitt der jüdischen Geschichte. Aus dem Boden des Zionismus wird die postzionistische Geschichte des modernen Judentums hervorwachsen. Keiner wird das jüdische Morgen verstehen und gestalten können, der nicht alle Hoffnungen des Zionismus in seinem Herzen gehegt und nicht all das Leid durchlebt hat, das der Zionismus als säkularer Idealismus erlitten hat. Jakob Picard: Erinnerung eigenen Lebens Wer in den letzten beiden Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts in einem der zahlreichen Judendörfer oder-Städtchen Südwestdeutschlands und gar Badens geboren wurde und aufwachsen durfte in der Sicherheit einer menschlich ausgeglichenen Umgebung, eines durch viele Jahrzehnte organisch gewachsenen Wohlstandes einer Familie und ihrer bestimmten Kultur, wie sie fast allgemein in jenen Gegenden zu finden war, der hat eine; glückliche Jugend gehabt, unvorstellbar vielen in der heutigen Zeit. Eine Jugend war es, die wesensbestimmend sein mußte über den allgemeinen Satz hinaus, daß die ersten sechs bis zehn Jahre eines Menschen ausschlaggebend sind für die Bildung der inneren Symbole seines Lebens. Kaum einen unter den schöpferischen und wesentlichen Menschen gibt es, der das nicht bestätigt hat; aber ich führe als ein frisches Zeugnis für diese Feststellung nur das vor nicht langer Zeit bekannt gewordene Wort des starken Bialik an, des Wissenden auch, der doch das Neue beginnen wollte fern seinem Jugendland: „Es gibt nur ein wahres Erlebnis auf Erden, das ist das erste Erlebnis: die Tage unserer Kindheit; von ihm gehen die schöpferischen Kräfte aus, zu ihm kehren wir immer wieder zurück." Diese Erkenntnis kann man, da sie durch diesen Mann kurz vor seinem Tode und jetzt in dieser Zeit und im Lande seiner Hoffnung ausgesprochen worden ist, von ihm aus gesehen tragisch nennen. Sie ist aber auch beglückend für jeden von uns, der zu seiner Vergangenheit stehen will, unabhängig von dem, was später geschah. So darf ich sagen, daß über den Jahrzehnten meines Lebens, da ich in den großen Städten war und fern meinem Heimatort Wangen am Bodensee, der nur wenige hundert Meter vom jenseitigen Schweizer Ufer getrennt liegt, immer sein Bild mit 14