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Der Morgen · 1938-03-01 · Heft 12 (März 1938) · p. 524

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 12 (März 1938)
Article
Die subjektive Judenfrage
Date
1938-03-01
Page
524 (sequence 9)
Language
German
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Werner Rosenstock: Die subjektive Judenfrage Gruppenwanderung im Sinne einer Berufs- oder Wohngemeinschaft im neuen Land nur teilweise durchführbar sein wird, so ist doch eine gruppenmäßige Erfassung der neu Eingewanderten im Bildungsmäßigen und Gesellschaftlichen eine unbedingte Notwendigkeit Ein großer Teil der Lebensangst des neu Eingewanderten entsteht dadurch, daß er einen Rückhalt von der Art, wie Palästina ihn bietet, nicht vorfindet. Wir sprechen bewußt von gruppenmäßiger Erfassung und meinen dies im Gegensatz zur cliquenmäßigen Zusammenschließung, die aufgrund der gemeinsamen Herkunft in den meisten Aus Wanderungszentren wohl vorhanden ist, aber nicht bis zu dem gesamtjüdischen und jüdischgeschichtlichen Zusammenhang vorstößt. Wenn die jüdischen Stellen in Deutschland durch das Hinaussenden geeigneter Menschen für die Schaffung solcher jüdischen Stützpunkte Sorge tragen würden, so wären wir in der Festigung der Überseewanderung in unserem Sinne schon ein gutes Stück weiter. Bei der Erziehung der Überseewanderer zur jüdischen Gemeinschaft wird Palästina als verpflichtendes Sinnbild gelebter Wirklichkeit einen hervorragenden Anteil haben. Aber wir wollen unseren jungen Überseewanderern — denn um diese jungen geht es hauptsächlich — keine Minderwertigkeitsgefühle anerziehen und müssen ihnen die Eigenwertigkeit der Diaspora in ihrer ganzen Bedeutung zum Bewußtsein bringen. Die Menschen müssen wissen, daß auch ihr Weg ein jüdisch wertvoller ist. Der Kern jüdischer Geschichts- und Geisteswelt muß ihnen nahegebracht werden, damit sie ihr Judesein als unverlierbares und einzig sicheres Gut für ihr ganzes Leben mit sich tragen können. Vielleicht werden die Menschen unseres Herkunftslandes, die heute in zahlreichen Erdteilen und Ländern Grundsteine zu neuen jüdischen Gemeinschaften legen, einmal aus ihrer Mitte die gleichen lebenspendenden Kräfte zeugen, durch die die Judenheit in Deutschland einst Vorbild der gesamten Judenheit war. Vielleicht gehen aus ihrer Mitte auch Künstler hervor, die Land und Leute ihrer neuen Heimat mit gleicher Liebe und mit gleichem Verständnis besingen, mit der der Hugenottensprößling Fontane seine brandenburgische Heimat besungen hat. All dies kann nur die Zukunft zeigen, vor der einstweilen ein dichter Schleier hängt. Für unsere Gegenwart aber, hier und in diesem Lande, gilt es, uns der umwälzenden Gewalt der objektiven Tatsachen gewachsen zu zeigen und den Weg, den wir gehen müssen, weil wir Juden sind, auch wirklich als Juden zu gehen. Wieder heißt es säen, und nicht ohne Tränen, und wieder muß uns auf unserem Wege die ewige urjüdische Hoffnung voranleuchten — auf ein Ernten in Freuden. 524

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