Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1938)
- Article
- Julian Arendt zum Gedächtnis
- Date
- 1938-02-01
- Page
- 486 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gefühl der Vorfahren seiner Mutter. Arendt war — und fühlte das — ein Ende einer Reihe, ein Abschluß einer Entwicklung von 150 Jahren, die so oft sich schließlich in der Kunst verklärt und in ihr vergeht. Der Krieg war das Erlebnis des Jünglings, die Nachkriegszeit mit ihren wirtschaftlichen, politischen und weltanschaulichen Wirrnissen, die ihn oft mehr als gut war, in ihren Strudel hineinzogen, der Rahmen seines äußeren kurzen Lebens. Aber sein Persönlichkeitswert wurde davon nicht entscheidend berührt. Denn zuletzt war er ein nicht zeitgebundener Denker, Sprachgestalter und Sprachformer, Dichter und Künstler, in gebundener Sprache wie in Prosa. Eine geistige Kraft ist mit ihm hingegangen, eine Persönlichkeit, wie sie unter den Juden in Deutschland nicht mehr häufig ist. Seine letzte Sehnsucht, wie er Götter, Helden „M. L. Petschenik, der Homers Odyssee ins Jiddische übertragen hat, übersetzt nun weitere klassische Werke, so die Antigone des Sephokles, die zur Zeit in der Krakauer 'Post' in Fortsetzungen erscheint." — Man liest diese Notiz und kann sich eines eigentümlichen Gefühls nicht erwehren. Der Olymp auf jiddisch, Götter und Helden auf dem jiddischen Parnaß! Aber nein, das ist es nicht oder doch nicht allein. Unsere, gestehen wir es nur, unwürdige Voreingenommenheit von einst, die das Jiddische, gelinde gesagt, komisch fand (wie Kinder fremde Sprachen und Dialekte komisch finden) und sich bestenfalls einen Witz, ein Volkslied, ein Wiesie für seine Lebensgefährtin in seinem Lieblingsgedicht gestaltete, hat sich ihm nicht erfüllt: Nun küsse mich. Ich möchte einmal ruhig leben Und ohne diese Angst, Ich will dir einmal alles geben, Was du verlangst. Ich möchte einen Garten haben Auf einem kahlen Karst, Und du mit mir und einem Knaben, Den du gebarst. Dann tränk ich violetter Trauben Zu Rausch gewordne Glut Und könnte wieder kindlich Der Mensch ist gut. [glauben, Ich wär mit dir und meinem Kinde Ein urgewaltiger Mann. Nun küsse mich, mein Weib, und Die Fackel an. [zünde Wir wollen sein Gedächtnis bewahren. — ann und Jiddisch genlied im Jiddischen möglich denken konnte, niemals aber was Klassisches, Hohes wie die griechische Tragödie, — dies Vorurteil ist ja nun hoffentlich ein für alle Male vorbei, und die Restbestände davon mögen unsern immer noch dünkelhaften geistig Minderbemittelten verbleiben. Aber die Antigone in Fortsetzungen! Die kothumhohe Tragik (und Pein unserer Pennälerjahre) an Stelle des üblichen unterhaltsamen Kitsches unterm Strich: das ist etwas! Man stelle sich doch einmal den Redakteur vor, der sonstwo Romane und Fortsetzungsgeschichten drucken läßt. Ich muß was für die Frauen bringen, sagt er, Liebe und Spannung, sagt er, einen Helden wie Clark Gable, eine Liebhaberin 4$6