Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1938)
- Article
- Das Antlitz spricht [Rezension]
- Date
- 1938-02-01
- Page
- 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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auch das Gesicht, wo jetzt das Böse ist, besetzen werde." Sympathie oder Antipathie hängen mit dem „ebenbildhaften" Gesicht zusammen, in dem das Einzelne „sich unterwirft" und „im Bilde aufgeht". Das hat nichts mit Schönheit zu tun: Picard erinnert an die „Gesichter mancher Schauspielerinnen, in denen die Schönheit vergebens auf die Entscheidung gewartet hat. Das Zeichen der Entscheidung in einem Gesicht ist das Zeichen der Güte: ein Gesicht sieht gütig aus, wenn sich der Mensch für Gott entscheidet." Auf der gleichen Ebene betrachtet Picard das „Literatengesicht", das es „gerade noch fertig bringt, den schon plastisch vorgeformten Teilen des Gesichts, der Nase, dem Mund, der Stirn e den falschen Schein der Ursprünglichkeit zu geben, aber an den Wangen enthüllt sich dann die Unproduktivität". Polare Gegensätze sind das Gesicht des Wahns und die „Maske" des Filmstars, das „geile" Gesicht, das mir noch nicht in allen seinen Teilen von dieser Eigenschaft ergriffen worden ist, und jenes Gesicht, das „gefährliche" Möglichkeiten in sich überwunden hat, was der Autor an Rogier van der Weydens Porträt des Meliaduse d'Este demonstriert, obwohl er einmal von Gemälden sagt, kein Bild der Kunst sei imstande, das Menschengesicht zu ersetzen; der Maler verwende ein Menschengesicht meist nur als ein Mittel, durch das er sein Inneres darstelle, könne jedoch von der Macht eines Menschengesichts gezwungen werden, es so darzustellen, wie das Gesicht es wolle, nur Mittel für das Gesicht zu sein. Die Drei- und Vierecke auf den Bildern der Kubisten vergleicht Picard, der frühe Verkünder vom „Ende des Expressionismus", mit „Grabsteinen über dem toten Menschengesicht". Neben diesen Eigenschaften des Ausdrucks im Gesicht untersucht Picard die Veränderungen des Menschengesichts: durch den Mitmenschen (an alten Ehepaaren), durch den Ort (Europäer, die nach kurzer Zeit das typische Amerikanergesicht annehmen), durch die Liebe (auf deren verwandelnde Kraft manch ein Gesicht geradezu warte), durch das vorgelebte Bild (der Ahnen bei alten Geschlechtern), durch die Natur („Kräuterdoktoren") und die Materie (Berufsgesicht von Maschinenkonstrukteuren und Chemikern). Die Verwandlung durch die Zeit unterscheidet den Menschen vom Tier. Man denke an das „letzte Gesicht", das uns aus Totenmasken ansieht, während ein Tier, das tot ist, nach Picards Worten viel toter aussieht als ein Mensch, und man wird verstehen, was gemeint ist mit den Worten, das Tier brauche die Zeit auf, die es wie einen Vorrat bei sich habe, während der Mensch durch die Zeit „mehr wird". Zum Unterschied vom Tier verfügt der Mensch aber noch über Wort und Tat neben dem Gesicht. Das Wort sei, sagt Picard, zu allererst eingerichtet für die Antwort an Gott, durch dessen Schöpfungswort der Mensch geschaffen worden sei, und von diesem Schöpfungsakt stamme das Unerwartete, das Überraschende her, mit dem jedes Menschengesicht vor uns erscheint. Solche Proben können den Reichtum dieses religiösen Werkes nicht 482