Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1938)
- Article
- Wie schaffen wir eine jüdische Musik?
- Date
- 1938-02-01
- Page
- 474 (sequence 5)
- Language
- German
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Oskar Guttmann Lyrik und Kultus sich bis ins zweite nachchristliche Jahrhundert erstrecken und an die sich ein ebenfalls erhaltener frühchristlicher Hymnus mit antiken Musiknoten aus dem dritten Jahrhundert anschließt. Über Jahrhunderte weg ist also griechische Musik, die auch im Orient herrschende Weltmusik des Altertums, in zahlreichen Beispielen vorhanden. Die altjüdische Musik kann und wird — abgesehen vielleicht von der reichlicheren Verwendung von Schlaginstrumenten, die dem ägyptisch-babylonischen Kulturkreis entstammen — in ihrer elementaren Form nicht anders gewesen sein. Ein Anknüpfen an diese Musik ist kein Zurückschrauben, ist keine gewaltsame Primitivität, sondern diese Kunst hat noch höchste Aktualität für uns Juden. Man braucht den Melodien der altgriechischen Musik nur hebräische Worte unterzulegen (das Experiment ist gemacht worden) und hört den Zusammenhang ohne weiteres. Und es wird zur beglückenden Gewißheit, daß so etwa jene uralte Musik bei den Juden gewesen sein mag. Hier ist ein Weg zu jüdischer Musik. * Bei dem gregorianischen Gesang der katholischen Kirche ist dieselbe Analogie zu ziehen, ist dasselbe Experiment ohne weiteres zu machen. Natürlich hat sich die altchristliche Musik nicht nur aus der jüdischen Tempelmusik entwickelt, sondern sie ist (wie die ganze Kultur dieser Zeit) ein Produkt auch aus syrischen und griechischen und später noch aus armenischen und koptischen Gesängen. Man hat hier in einem langen Zeitraum, abgeschlossen etwa 600 n., gesammelt, geordnet, gesichtet, überarbeitet und aufgeschrieben, was seit drei bis vier Jahrhunderten im Gebrauch der Kirche war. Der gregorianische Gesang gibt ein Bild, wie man etwa in den Jahren seit der Tempelzerstörung bis ins 3. oder 4. Jahrhundert im Orient, also auch bei den Juden, gesungen haben mag. Denn wenn wir alte Tonweisen ausAleppo oder Damaskus zum Vergleich heranziehen, ist die Ähnlichkeit mit dem gregorianischen Gesang so frappant, daß kein Kenner eine mit hebräischem Text gesungene gregorianische Melodie von einer mit lateinischen Worten gesungenen jüdischen Aleppo-Weise unterscheiden kann. Kirchentonarten, Wortrhythmus, Betonungen, Schlüsse, die melodische Linie, alles ähnelt einander bis aufs letzte, natürlich ohne daß man jemals rein die jüdischen, babylonischen, griechischen oder syrischen Elemente ganz klar wird voneinander trennen können. Aber das ist für unsere Frage auch nicht nötig. Wir sehen hier wieder einen Weg, an eine Musik heranzukommen, die, in diesem Sinne geschaffen, ohne Zweifel jüdischen Geist haben, jüdischen Charakter tragen wird. 474