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Der Morgen · 1938-02-01 · Heft 11 (Februar 1938) · p. 446

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 11 (Februar 1938)
Article
Judentum für alle Tage
Date
1938-02-01
Page
446 (sequence 2)
Language
German
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Judentum für alle Tage früheren Zeiten das Judentum seinen Trägern die Stütze gab, deren sie bedurften, für ein mindestens so problemreiches Dasein, wie es uns aufgegeben ist. Warum also nicht auch uns? Vielleicht deshalb, weil wir es aus dem Museum der Pietät zwar in die Wohnung zurückholten, aber nicht ins Wohnzimmer zum täglichen Gebrauch, sondern als Mas gute Stück' unter Glassturz in die gute Stube stellten, um es jedesmal, wenn uns danach zumute war, mit erbaulicher Begeisterung anzusehen, aus drei Metern Entfernung und auf Zehenspitzen? Das mit modernen Ideen amalgamierte Judentum will einstweilen noch nicht recht dauerhaft scheinen, und das alte religiöse ist eine Sache der Jahrtausende, großartig und rein, aber schwere Goldbarren, die niemand in gängige Münze wechseln kann. Und der Midas der griechischen Sage soll bekanntlich vor lauter Gold — verhungert sein. Wiederholen wir die alte Frage, aber nicht die große nach dem Wesen des Judentums, sondern jene, die uns unmittelbar angeht: Wie kann man jüdisch leben? Und zwar beides: jüdisch leben und jüdisch leben. Es gibt schlichte alte Antworten darauf, etwa die Hillels an den Heiden: Was du nicht willst, daß man dir tu, das tu auch keinem andern an — das übrige lerne! Abgesehen davon, daß in dem Wie des Lernens ja gerade unsere Schwierigkeit liegt, fehlt diesem Satz, daß er zu mehr als einem ethischen Gemeinplatz werde — wenn auch zu einem richtungweisenden —, etwas Entscheidendes: der Hillel, der ihn spricht. Jener Heide, zu dem das Wort gesprochen wurde, wußte sicherlich, wie er nun zu leben habe; wir erfahren es nicht mehr daraus. Dann hat Jochanan ben Sakkai mit seinen Schülern einmal über die Frage gesprochen, welches der rechte Weg sei, und sein liebster Jünger meinte: Ein reines Herz. Es ist eine der edelsten Antworten, die je gegeben wurden, und wahr, solange es Menschen gibt; für uns bleibt sie, ohne den Hintergrund der Tradition, zu lauteres Gold. Und wie steht es mit den Antworten unserer Zeit? Der religiöse Liberalismus sagt: wenn man dem Apfel seinen Nährgehalt, sein Vitamin (— die Grundgedanken oder -Wahrheiten) entnimmt, kann man auf das (Veraltete') Übrige verzichten. Schön und gut, nur hat sich leider gezeigt, daß man von diesem Vitamin allein nicht leben kann. Die Orthodoxie bewahrt für sich noch einen Zipfel des alten Erbes auf; unsern dringendsten Fragen gegenüber ist sie stumm, noch stummer als die alten Schriften selbst. Bleiben die wenigen Menschen, die sich den Problemen wirklich stellen. Martin Buber hat uns zu fragen gelehrt und der Antwort der Bibel offen zu sein; wie diese Antwort ins Leben, in den nüchternen Alltag zu übertragen sei, das reicht über den Kreis hinaus, den er in strenger Selbstbeschränkung seinem 446

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