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Der Morgen · 1938-01-01 · Heft 10 (Januar 1938) · p. 444

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 10 (Januar 1938)
Article
[Rezension]
Date
1938-01-01
Page
444 (sequence 2)
Language
German
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machen, denn sie spielen nur wenig hinein: zur Musik jüdischer Dorfmusikanten tanzt sie in ihrer Jugend, Brandes und Nordau sind Bildungseriebnisse, die ihre geistige Entwicklung bestimmen, und der Schöpfer der Relativitätstheorie wird ein Freund ihrer Reife. Wenn gegen die ungewöhnliche Karriere dieser Frau intrigiert wurde, sprach man fälschlich von ihrer jüdischen Abstammung. Sowohl ihr Gatte wie sie waren völlig unpolitisch; die Affäre Dreyfus war die einzige Ausnahme, die ihn als Kämpfer für Gerechtigkeit auf den Plan rief. Es ist das Heidenieben einer modernen Frau, das das Buch jedem Leser, der für menschliche Werte und ausdauerndes Kämpfertum empfänglich ist, zu einem beglückenden Besitz macht. „Geniale Frauen sind selten... Wenn wir Männer alle unsere Gedanken einem Werk widmen, das uns den uns Nahestehenden entrückt, haben wir mit den Frauen zu kämpfen... Die Geliebte will gleichfalls den Mann besitzen und würde es ganz selbstverständlich finden, wenn man den größten Geist der Welt einer Liebesstunde opferte." Fünfunddreißig Jahre war der Schreiber dieser Tagebuchstelle alt geworden, als ein Zufall ihm die ebenbürtige Frau in den Weg führte. „Sie haben nicht mehr das Recht,, mich aufzugeben" waren seine Worte beim ersten Abschied — und Marie verstand sie, noch ehe dieser schamhaften Werbung die Versicherung an Maries Schwester folgte: „Ihre Schwester soll nicht zögern. Sie wird mit niemandem so glücklich sein." Wir erleben, wie die Curies mit 500 Franken beginnen, wovon sie noch ihre wissenschaftlichen Experimente bestreiten müssen, erleben ihren Kampf und ihr Glück, erleben, wie sie im strengen Dienste der Wissenschaft allen Versuchungen, sie merkantil auszunutzen, Widerstand leisten. Aber nie vergißt die Verfasserin über dem Persönlichen, das den eigentlichen Wert des Buches ausmacht, die Behandlung des Radium-Stoffes, die Schilderung seiner Entdeckung und seiner Möglichkeiten. Und das geschieht in einer dem Laien durchaus verständlichen Weise. Man ist gepackt von der Beschreibung, wie das erste Gramm Radium gewonnen wird, und ergriffen davon, wie Pierre und Marie Curie von Anfang an ihre Entdeckung nur als Dienst an der Menschheit betrachten. Man begreift die Kostbarkeit des zweimaligen Geschenkes von je einem Gramm Radium, das die amerikanische Nation Madame Curie überreichte, und das Opfer, das die jedem Betrieb abholde Frau daraufhin dem Feier-Bedürfnis der Vereinigten Staaten brachte. Ein unerlöstes Polen und das Vorkriegs-Frankreich, Weltkrieg und das Nachkriegs-Amerika sind Schauplätze im Leben dieser Frau. Nur ein Jahrzehnt ehelicher Gemeinsamkeit war ihr vergönnt, aber bis zum eigenen Tode ging sie im Dienste am gemeinsamen Werke auf. War sie also doch, im letzten Grunde, glücklich? Ihr Mund schweigt, wir können es nicht entscheiden. Doch ein großer Mensch wird hier zum Sinnbild, zuni Typus unerbittlicher Treue im Dienst an der Wissenschaft, an der Wahrheit. Und bleibt eine echte Frau. Lutz Weltmann 444

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