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Der Morgen · 1938-01-01 · Heft 10 (Januar 1938) · p. 417

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 10 (Januar 1938)
Article
Gruß an Leo Baeck
Date
1938-01-01
Page
417 (sequence 2)
Language
German
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Gruß an Leo Baeck wenn der Druck der Atmosphären jedes frische Wachstum unterbindet, und zu häufige Blicke in den Spiegel der Historie blenden das Auge. Gerade darum aber haben wir Anlaß, jedem Ereignis zu danken, das uns Leo Baeck ins Blickfeld rückt. Denn in ihm hat ein Stück jüdischer Geschichte Gestalt gewonnen, die Gestalt eines Menschen, der mitten unter uns ist und den wir lieben und verehren dürfen. Geschichte, sonst ein Begriff, kühl und abstrakt, bewegt durch außerpersönliche -Gesetze, naht uns in ihm mit der Wärme persönlichen Erlebnisses. Es ist hier nicht der Ort, den Umkreis abzuschreiten, der dieser Behauptung ihren schlüssigen Beweis erbrächte, den Mann und sein Werk nach der Reihe zu würdigen in philosophischer, theologischer, künstlerischer Hinsicht und wie die Fächer sonst heißen mögen, die alle zusammen nicht ausreichen, um dieses große Menschentum zu fassen. Es genügt uns, zu sagen, daß das Judentum in Deutschland an zwei wesentlichen Etappen seines Weges in Leo Baeck seinen Ausdruck gefunden hat: als er ihm in der großen Auseinandersetzung mit dem europäischen Geist der Neuzeit „Das Wesen des Judentums" schenkte, und als er nach der Schicksalswende von 1933 in der Reichsvertretung der Juden in Deutschland die Führung übernahm. Damals war es angelegt und heute ist es vollendet: man denkt Leo Baeck, wenn man Judentum in Deutschland denkt. Das Bild unserer jüdischen Gegenwart trägt unverkennbar seine Züge. Die Juden haben es sich nie erlaubt, nur sie selbst zu sein: kleine, fehlerhafte Menschen mit den geringen Freuden und den schweren Lasten ihrer Tage. Sie haben sich immer die Menschen, die aus ihnen über sie hinauswuchsen, zu Maßstäben gewählt, und so bewahrten sie die Gemeinschaft vor Starre und sicherten ihr Bewegung, Ausrichtung und damit ihr schweres Leben. Leo Baeck, der sich in adliger Bescheidenheit jedem Dank zu entziehen weiß, muß sich heute dafür danken lassen, daß er uns jetzt wie in den vergangenen Jahrzehnten seines reichen Lebens einen solchen Maßstab geschaffen hat. Die Judenheit in Deutschland hat, als sie ihn an ihre Spitze stellte, zunächst nur den Ehrgeiz bekundet, einmal mit diesem Maßstab gemessen in die Geschichte einzugehen. Der verpflichtende Sinn der Tatsache aber wird erst dann erfüllt sein, wenn aus dem Sinnbild ein Vorbild geworden ist, wenn die emporgewachsene Gestalt in dem täglichen Streben vieler Einzelner echte Nachfolge gefunden hat. £va Reichmann_Jungmann 417

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