Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1937)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1937-12-01
- Page
- 400 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895576-2907763--10269-2907823- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hofmann und Schnitzler, Wassermann und Rudolf Borchardt neben Bahr, Dehmel, Schröder u.a. befinden. In ihnen ist freilich gegenüber dem ersten Band eine gewisse Distanzierung zu beobachten. Die Jugendfreunde aus dem „Jungen Wien von 1890" sind nun meist verheiratet, haben einen eigenen Hausstand und Kinder, der künstlerische Weg verläuft oft anders, und es ist nicht mehr jene enge Arbeitskameradschaft, wie wir sie aus dem ersten Briefband kennen. Zu letzter Höhe gelangen diese Briefe erst, wenn die schweren und traurigen Verluste der Eltern, wie des Vaters von Beer-Hofmann oder der Mutter Hofmannsthals in ihnen berührt sind oder die Sorge für die noch Lebenden. Sehr schön sind auch die Briefe Hofmannsthals aus Paris, die den neuen Band einleiten und noch einmal in das Jahr 1900 zurückgreifen. (Beide Bände überschneiden sich inhaltlich ein wenig.) Paris, mit den hellen und wachen Sinnen des Dichters gesehen, ist überaus reizvoll, ähnlich wie das Gegenstück Rom in den Briefen vom Oktober 1902. Auch bemerkenswerte Beziehungen zu den Menschen, die das dramatische Werk des Dichters betreuen, zu den Regisseuren und Dramaturgen Otto Brahm und Kahane, haben in den Briefen ihren Niederschlag gefunden. Reinhardt steht schon im Hintergrund; eine feinsinnige Korrespondenz verbindet ihn mit der Schauspielerin Gertrud Eysoldt. Auch der Kreis der Verleger und Zeitschriftenherausgeber öffnet sich dem Dichter; der verdienstvolle Lektor des Fischer-Verlages Moritz Heimann und der langjährige Herausgeber der „Neuen Rundschau", Professor Oskar Bie, bieten ihm Zugang zu dem Verlagshaus, das sein gesamtes Werk der Öffentlichkeit übergeben sollte und dessen Wiener Zweig auch noch heute den Nachlaß betreut. Eine eigene Zeitschrift wird geplant und schließlich die lyrische Redaktion des „Morgen" übernommen, jener literarisch-politischen Wochenschrift aus dem Jahre 1907, bei der Richard Strauß für Musik, Sombart für Sozialpolitik und Georg Brandes für Literatur verantwortlich zeichriete. Durch diese Tätigkeit kommt Hofmannsthal mit den jungen Lyrikern in Berührung, und es entwickelt sich ein reizvoller Briefwechsel mit Rilke, sowie mit Max Meli, Friedrich Gundolf, Felix Braun und anderen. Weitere Briefe zeigen die Verbindung mit hervorragenden Geistern der Zeit, u. a. mit klugen Frauen, wie der Baronin Helene von Nostiz-Wallwitz, der Fürstin Marie von Thum und Taxis, der Baronin Nicolics u. a. So gibt uns dieser Briefband des österreichischen Dichters einen weiteren wesentlichen Abschnitt seines Lebens und Seins wieder: die ersten Mannesjahre mit ihrem steten Wechsel von Anerkennung und Enttäuschung, wie jeder Schaffende sie kennt. Das reife und schöne Werk ruft die sanfte Atmosphäre des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts noch einmal in die rauhe Gegenwart zurück. Wir dürfen auf die folgenden Bände mit innerer Spannung warten, denn es wird sich dort vieles finden, was einst unsere Welt bedeutete. Walter Perl 400