Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Franz Kafkas gesammelte Schriften [Rezension]
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 356 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Versicherungsstellung; sein Herz aber hängt am Schreiben. Hätte er damit Erfolg, wäre wohl alles gut; so aber ist die Familie unzufrieden, und er vermag ihr weder vor sich selbst jedes Recht . abzusprechen noch sein Eigenstes aufzuopfern. Er wird früh zum Zuschauer und beklagt, daß ihn „der Lebensstrom niemals ergriffen hat", er lebt in einem „Grenzland zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft" und spürt früh, daß um seinen Kopf „immerfort der heimliche Rabe fliegt", — die dunkle Schwinge des Genius. Er verzehrt sich in sich selbst; man denkt an Logaus Wort: „Ein Mühlstein und ein Menschenherz wird stets herumgetrieben; wo beides nichts zu reiben hat, wird beides selbst zerrieben." Er versucht sich in Zeitideen genugzutun; es ist fast rührend, wie dieser Gequälte an ein reines, gesundes Freilufileben glaubt. Und dann wird er sich auf einmal klar darüber, daß es nicht Trägheit, böser Wille, Ungeschicklichkeit sei, was ihm „alles mißlingen" lasse, sondern „der Mangel des Bodens, der Luft, des Gebotes. Diese zu schaffen ist meine Aufgabe ... — sie ist gewiß schon oft gestellt worden. Ob allerdings in solchem Ausmaß, weiß ich nicht. Ich habe von den Erfordernissen des Lebens gar nichts mitgebracht, so viel ich weiß, sondern nur die allgemeine menschliche Schwäche. . . Ich bin nicht von der allerdings schon schwer sinkenden Hand des Christentums ins Leben geführt worden wie Kierkegaard und habe nicht "den letzten Zipfel des davonfliegenden jüdischen Gebetmantels noch gefangen wie die Zionisten. Ich bin Ende oder Anfang." Das ist die weiße Schwinge, die ihm den Hauch des Lebens zuträgt, den Hauch einer Luft von oben, die seither das Atmen schwerer zugleich und leichter macht. a. Heinz Politzer, „Fenster vor dem Firmament". Gedichte. Verlag Julius Kittls Nachfolger, Leipzig- Mährisch-Ostrau, 1937. Der Lyriker Politzer schlägt in dem Gedichtband „Fenster vor dem Firmament" weiche, melodiöse und träumerisch-wehmütige Töne an. Er singt versonnen von Träumen, von stillem Nebelglanz, von „herber Labsal" des Weines, von Blumen, Baum und Strauch und See und Bergen, von schwermütiger Sehnsucht, von Jugendzeit und Heimweh, von Unrast des Wanderschicksals, von Ahn und Eltern und Schwester, von Mitleid mit der armen Kreatur, von Liebe, Menschlichkeit und Erbarmen. Etwas Jüdisches ist in der Art seiner Innigkeit, seines Erfülltseins von Menschlichkeit und scheuer Gläubigkeit, in einer treuen Zartheit, die mild aus allen Versen spricht. In der Musikalität wie in der weichen Passivität der Gedichte ist ein österreichischer Ton, ein Nachspiel des frühen HofmannsthaL Ein paar Verse seien zur Kennzeichnung angeführt: Morgenland voll gutem Ruhen! Zwischen Himmel, Baum und Tier Geht der Freund in schweren Schuhen Ohne Worte neben mir. („Morgenland") O laß uns, eh das Dunkel kommt, Du mir, ich Dir viel Liebes tun — Wein, Lachen, Hand in Händen ruhn, Bis daß der Schlaf uns frommt. („Liebeslied vorm Krieg") Max Krä m e r 356