Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Die Tore Arabiens [Rezension]
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 352 (sequence 2)
- Language
- German
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wie Mönche, Stadtadelige und arme Träger um diese Frau, die sich ganz allein unter ihnen aufhält, besorgt und bemüht sind. Aber mit unheimlicher Plötzlichkeit kann alles umschlagen. Man klopft an die Tür des angesehensten Hauses in einer Oasenstadt, man wird abgewiesen und wendet sich zum Rückweg — und schon scheinen die engen, steilen, menschenleeren Gassen erfüllt von einer dumpfen, lauernden Schwüle wie von einem Tier, das sich zum Sprung duckt; bald tauchen Gassenbuben auf, die johlen und Steine werfen, ein Volkshaufen sammelt sich an, der zu allem bereit scheint, und mit einem Mal findet man sich inmitten einer bedrohlichen Umklammerung, die nur durch einen glücklichen Zufall und den Gleichmut, der ihn herbeiführt, wieder gelöst werden kann. So wohnen im Orient die Leidenschaften eng beieinander: Menschen und Landschaft sind ohne Zwischentöne. Wer zwischen den Zeilen des Reiseberichts zu lesen versteht, wird manche Belehrung über ökonomische, soziale und politische Zustände aus Freya Starks Buch entnehmen können. Das Innere Arabiens ist für unsere Vorstellung eine Wüste, ein einziger gelber Fleck auf der Landkarte. Nun lernen wir, daß weite Ödländer mit fruchtbaren Tälern abwechseln, in denen zahlreiche kleine Städte liegen, von Palmengärten umgeben. Freya Stark ist davon überzeugt, daß in früheren Zeiten weit größere Landstriche als heutzutage Fruchtbäume getragen haben. Sie sind bis in unsere Tage hinein in unzähligen Stammesfehden von feindlichen Stämmen niedergelegt worden. Die Parallele zu manchen palästinensischen Vorkommnissen drängt sich auf. Auch wäre es falsch zu glauben, daß jene Gegenden von der Umwelt abgeschlossen sind. Viele Kaufleute aus dem Hadramaut haben in Indien und in den Malayenstaaten, manche auch im Somaliland gelebt, sind dort reich geworden und mit dem in der Fremde erworbenen Gut in die Heimat zurückgekehrt. Andererseits ist Negerblut tief nach Arabien eingedrungen. Alle Sultanate der Küste und des Hinterlands halten sich Negersklaven und Negersoldaten, da Unabhängigkeitssinn, unaufhörlicher Familienstreit und blutiger Stammeszwist die Beduinen für jede dauerhafte staatliche Organisation ungeeignet machen. Aber der Gouverneur aus Sklavenblut repräsentiert nur eine gebrechliche Autorität. Einsichtigen Männern aus dem Adel oder den geistlichen Orden gelingt es von Zeit zu Zeit, kraftvoll einige spärliche Glücksjahre des Friedens zu sichern. > Hier ist das klassische Land des, britischen indirect rule. Kein englischer Soldat weit und breit, — nur die Flugplätze der Royal Air Force sind zu sehen. Das genügt. Selbständige Sultanate unter englischem Protektorat riegeln das Reich Ibn Sauds vom Indischen Ozean ab, verschließen und öffnen zugleich „die südlichen Tore Arabiens". Und Vasallenstaaten ähnlicher Art, durch das gegenseitige Mißtrauen an England gekettet, liegen im Norden: Irak, Transjordanien und — Palästina. Denkt man daran, so führt ein Bericht über weitentfernte Zustände mitten in unsere eigene Problematik hinein. Werner Cahnmann 352