Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Ein dreißigjähriges Jubiläum [Rezension]
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 265 (sequence 2)
- Language
- German
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Vergangenheit, was seine Lehre betrifft. Nicht Aktualität um ihrer selbst willen gilt es zu befriedigen, sondern Verständnis jüdischer Gegenwart, Wille zur jüdischen Zukunft aus der Kenntnis und Erkenntnis jüdischer Geschichte, jüdischer Weisheit, jüdischer Literatur zu erwecken. Der vorliegende Band des Jahrbuches bringt Beiträge aus allen BeTeichen jüdischen Wissens. Lutz Weltmann zeichnet das Bild Spinozas, Leo Hirsch gedenkt Beer- Hofmann's, des Dichters aus jüdischem Geiste. Das Problem der Theodicee ist der Gegenstand eines Aufsatzes von Hans Margolius, Hans Kaiisch beschäftigt sich mit der Rechtsordnung Palästinas, und das Andenken an Leopold Zunz (gest. 17. März 1886) wird durch eine Veröffentlichung von wertvollen Materialien aus der Zunz-Stiftung, die Ismar Elbogen herausgegeben hat, wachgerufen. Ludwig Feuchtwangers Aufsatz stellt nicht nur „Neue Forschungsaufgaben für die Geschichte der Juden im Mittelalter" zur Diskussion, er ist auch ein umfangreicher Beitrag zur Bibliographie. Literarisches, Kunsthistorisches, Familiengeschichtliches steuern Ilse Blumenthal-Weiß, Rahel Wischnitzer-Bernstein, Rudolf Frank, M. Spanier, Artur Kronthal und. Louis Lewin bei. Mit besonderem Interesse sei das Epos Ha-Matmid erwähnt, das umfangreichste Gedicht Chaim Nachman Bialiks, das Ludwig Rosenthal übersetzt hat. Ernst Fraenkel Erinnerung an die Orska Sie wäre in diesen Tagen fünfzig Jahre alt geworden. Aber — jetzt vor sieben Jahren — löschte sie ihr phantastisches Leben aus. Was weiß man von ihr? Daß sie in umstürzender Zeit, im Krieg und in den turbelenten Nachkriegswehen im Vordergrund des berliner Theaters der Star einer Gesellschaft war, die in jener auflösenden Zwischen- Epoche, inmitten einer zerbrochenen sozialen Ordnung, nach dem tanzenden Stern griff. Spielte die Orska Strindberg oder gar die Lulu, so versprach sich jenes Publikum eine Orgie. Man erwartete im szenischen Ereignis eine lüstern kitzelnde Verruchtheit. So war die Zeit. So war die obenauf schwimmende Gesellschaft. So war deren Theater. War so auch die Orska? Gewiß: sie erfüllte den Anspruch sehr genau. Dennoch war es ihr Pech — dasaber jenes Parkett für ihr Glück hielt —, daß das wilde Theatertemperament dieser zarten und zärtlichen Frau just jene Jahre durchtoben mußte. Denn ihr wahres Ich lebte bis zuletzt einen naiven und recht primitiven Mädchentraum, und befriedigt war sie in dem Wirbel nie. Enttäuscht trat sie ab, in einem Alter, in dem die Darstellerinnen der französischen, auch der russischen Bühne gerade flügge werden. Sie hatte schon eine Karriere hinter sich, war aber fest überzeugt, daß ihr wahrer Anfang noch vor ihr läge. Sie kam dann wieder, zu Reinhardt — eine andere Orska. Sie wollte nicht wieder die stachelnden Weiber spielen, sondern fühlte sich angezogen von den Gestalten resignierender Frauen. 265