Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Ein Judenstaat vor 100 Jahren
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 264 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895573-2907511--10060-2907577- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
die Gründung, die ein Freund Noahs, ein christlicher Geistlicher, feierlich durch Predigt und Bibelwort eingeweiht hatte, wurde von jüdischer wie von christlicher Seite hier spottend, dort ernst abgelehnt; Rabbiner, die er als Bürgen angerufen hatte, Forscher wie Zunz und Gans weigerten sich der Gefolgschaft. Solcher Spott mag zum Teil der abenteuerlichen Gestalt des Gründers gegolten haben; zum größeren Teile freilich war es Widerstand gegen die „Rückkehr ins Ghetto". Nur Gabriel Rießer und sein Vater sahen schon damals weiter: „So gering, klein oder sogar lächerlich die Sache jetzt scheinen mag, so mögen Noth und Zeit . . . unsre Nachkommen die Sache ganz anders beurteilen lassen", schreibt Jacob Rießer damals an seinen Sohn. . . Dabei vertritt Noah manchen heute wie damals aktuellen Gedanken wie den der Rückführung der Juden zu landwirtschaftlichen Berufen oder des Wertes eines jüdischen Zentrums für die Juden an allen Enden der Erde, auch wenn sie nicht alle selbst dorthin auswandern könnten. Der tapfere Mann war durch den Fehlschlag seines Ararat-Plans nicht entmutigt; er hat bis zu seinem Lebensende an ähnlichen Plänen weitergearbeitet und ist schließlich auch dazu gelangt, die Bedeutung Palästinas für die Zukunft der Juden einzusehen. Schon im Jahre 1844 trat er mit konkreten Vorschlägen zur Lösung der Judenfrage durch Schaffung eines jüdischen Zentrums in Palästina vor die amerikanische Öffentlichkeit; auch hierin ein Vorläufer, dessen Gedanken viel später erst wieder aufgenommen wurden. B. B.-St. Ein dreißigjähriges Jubiläum Vor 39 Jahren — 1898 — erschien zum ersten Male das „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur" mit Beiträgen von Karpeles, Steinthal, Brandes, Lazarus, Geiger u.a. Es wandte sich an „alle diejenigen, die für den Fortschritt und die Entwicklung der Wissenschaft des Judentums Interesse haben". Beim Erscheinen des 30. Bandes („Jahrbuch für Jüdische Geschichte und Literatur, herausgegeben vom Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland. 30. Band. Berlin 1937. Verlag von M. Poppelauer) bezeichnet Ismar Elbogen in einem Rücklick auf die damalige Zeit den Verband als „einen der Motore der jüdischen Renaissance, die in den letzten zwei Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts sich allmählich durchsetzte", bemerkt aber gleichzeitig historisch referierend, daß das Streben der Generation von 1890, das in der Gründung jüdischer Geschichts¬ und Literaturvereine zum Ausdruck kam, nicht mehr mit der Haltung einer jungen^ Generation übereinstimmte, deren Interesse mehr den politischen Auseinandersetzungen innerhalb der Judenheit galt. Die Forderung, die unsere Zeit an das „Jahrbuch" stellt, ist entsprechend einer völlig verschiedenen geistigen, seelischen, politischen und sozialen Situation wiederum völlig verändert. Der jüdische Mensch will hören und lesen, was sein Leben, was seine 264