Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 6 (September 1937)
- Article
- Ein Kompendium des Schächtens [Rezension]
- Date
- 1937-09-01
- Page
- 261 (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Kompendium des Schächtens Dr. Oskar Rabinowicz, „Einleitung in die Probleme des rituellen Schlachtens". Verlag Dr. Heinrick Glanz, Wien 1937. Die Frage nach dem Sinn und der Notwendigkeit der rituellen Schlachtung ist bereits seit Jahrzehnten im Fluß und erregt immer wieder die Gemüter. Von der Außenwelt abgesehen stehen auch die Juden selbst dem Problem etwas hilflos gegenüber. Die Frage der rituellen Ernährung ist zu einem Schibbolet in unsern Reihen geworden. Nur von einem streng traditionellen Standpunkt aus ist die rituelle Ernährung kein Problem. Eine Schrift wie die von Dr. Rabinowicz, in der die Dinge von Grund auf und kenntnisreich erörtert werden, ist darum aufs wärmste zu begrüßen. Der Verfasser sieht (etwas zu oberflächlich) den Sinn der Schechita in der Absicht des religiösen Gesetzgebers, dem Tier einen möglichst quallosen Tod zu verschaffen und zeigt an Hand zahlreicher medizinischer Gutachten, daß diese uralte jüdische Methode der Tierschlachtung sich auch heute noch rechtfertigen lasse. Rabinowicz verlangt, daß der Ausbildung der Schächter ein größeres Augenmerk als bisher zugewandt wird, daß Schochet-Schulen mit einem festen Lehrplan eingeführt werden, ja daß sogar die Jerusalemer Universität bzw. eine in Palästina zu schaffende Tierärztliche Hochschule sich mit den Problemen der Schechita und der Ausbildung der Schächter wissenschaftlich befassen sollten. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis zeigt, welche Bedeutung der Schechitafrage beizumessen ist. Es geht bei dieser Frage gewiß um mehr als eine bloße Form: um die Entscheidung über ein wesentliches Stück der jüdischen Tradition. Man darf aber nicht vergessen hinzuzufügen — bei Rabinowicz tritt es stark in den Hintergrund —, daß selbst innerhalb der Orthodoxie die Meinungen über die unbedingte Notwendigkeit eines Festhaltens an der bisherigen Schlachtungs a r t geteilt sind. Die zahlreichen Versuche, die heute angestellt werden, um durch neue Betäubungsverfahren Halacha und Gesetze der einzelnen Länder miteinander in Einklang zu bringen, beweisen, daß das Leben der seit Jahrhunderten festgefrorenen Halacha eine neue Weiterentwicklung gebietet. Man darf bei der Meinungsbildung über diese Angelegenheit auch nicht übersehen, daß eine große Zahl, wenn nicht sogar die Majorität der Juden in der Welt die Frage für ihr individuelles und religiöses Leben nicht mehr als brennend empfindet und dem entsprechende Konsequenzen gezogen hat. Wir alle — und selbst die Liberalsten — empfinden den hohen und erzieherischen Wert der Tradition. Aber es gibt Lebensgesetze, die viele Überlieferungen gegenstandslos machen, und es kann auch Lebensnotwendigkeiten geben, in denen die Abkehr von einem Teil der Tradition vielleicht in Wirklichkeit die Rückkehr zur Tradition in ihrer alten Größe und Echtheit bedeutet. Gerhardt Neumann 261