Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Exotische Lyrik [Rezension]
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 224 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wirtschaft besorgt ihm das Weilx Das Haus besorgt die Frau. Die Mode besorgt die Gemahlin. Mit dem Weib geht man spazieren. Mit der Frau fährt man aus. Garden Parties macht man mit der Gemahlin. Anteil an unserm Kummer nimmt das Weib. An unserm Geld die Frau. Schulden macht die Gemahlin. Und wenn wir (in hundertundzwanzig Jahren, so Gott will) sterben, beweint uns das Weib. Beklagt uns die Frau. Und die Gemahlin trägt Trauerkleider." Soweit die Bekanntmachung. Genaueres über die Auftragsbestätigungen der Firma konnten wir nicht ermitteln. Wir nehmen an, es sind dafür vorgedruckte Formulare da mit etwa folgendem Text: Besorgen Sie mir gefl. zu den geltenden Bedingungen 1 Weib — Frau — Gemahlin. Nichtzutreffendes bitte zu streichen. —seh Moriz Seeler, einst, lang ist es her, der Spiritus rector der Jungen Bühne, der selbstlose Pfadfinder neuer Autoren, ist nun selbst ein Dichter geworden. Eigentlich hätte mans schon immer wissen müssen, daß er heimlich einer war und eine gleichgestimmte Seele jener nachexpressionistischen Romantiker der Exotik, denen er auf ihrem Kriegspfad voranging. Und doch wars eine kleine Sensation, als er sich lyrisch zu entpuppen begann, mit sehr ernsten pathetischen Konfessionen. Denen läßt er nun „Die Flut" (Verlag Richard Lanyi, Wien 1937) folgen, die unsereins erstaunt dahinströmen sieht. Ja, es sind langzeilige Strophen, und die ganze Traumwelt unserer Pennäler jähre steht darin auf, Buffalo Bill und Manitu, die Flußpiraten vom Mississippi und die Schatzinsel, Prärie und Savanne, Goldgräber und weißer Mustang, die ganze Abenteuerlichkeit von Cooper bis Gerstäcker, aber mit einer Art von mystisch kosmischem Ausblick und Hintersinn, und daie Lyrik zwischen noch große Poeme um ebenso exotische, doch mehr in andern Archäologien beheimatete Erscheinungen und Symbole wie Salamander, Schlange, Tiergötter — und schließlich sogar ein wenig reine Lyrik. Soweit man bei unsern jüdischen Lyrikern überhaupt von reiner Lyrik reden kann, oder soweit man unter Lyrik auch versteht, was „mit Kopf" geschrieben und Anschauung, nicht bloß Gefühl und Schau ist. Was lebt hier bei Seeler, was spricht aus ihm? Unsere schöne bunte Pubertätslektüre, „das Haupt geschmückt von Papageienfedern, Und mit dem Lendenschurz nur angetan". Daß einem eben das in die Feder kommt, während wir in der jüdischen Jungmühle durchgedreht werden, ist erstaunlich kurios, und doch bleiben uns manche schönen Verse mit ihrem getragenen Rhythmus im Sinn, und nicht minder sympathisch wird uns der seltsame Mann, der sie geschrieben hat. H. 224