Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 5 (August 1937)
- Article
- Das Leben im Ghetto [Rezension]
- Date
- 1937-08-01
- Page
- 219 (sequence 2)
- Language
- German
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Individualpsychologie Der Tod Alfred Adlers, des Begründers der Individualpsychologie, gibt Veranlassung, dem Geheimnis nachzuspüren, das dieser Bewegung zu einer ständig steigenden Bedeutung und zu wachsendem Erfolg verhilft. Die Individualpsychologie basiert auf der Behauptung, alle Menschen seien in seelischer Beziehung gleich, die seelische Ungleichheit beruhe nur darauf, daß der Mensch aufgrund seiner Angst vor dem Mitmenschen und der Gemeinschaft zum Verlangen nach Macht, zum Willen nach Beherrschung des Nebenmenschen getrieben werde, ja daß Spitzen- und Sonderleistungen in den meisten Fällen erkauft seien durch Verlust oder Verkümmerung menschlicher Qualitäten. Der einseitige, verängstigte, mutlose, gehemmmte Mensch hindert sich selbst an der vollen Auswirkung der in ihm liegenden Möglichkeiten und macht dadurch ein vollwertiges, reibungsloses Leben in der Gemeinschaft unmöglich. Die Individualpsychologie versucht, durch eine Analyse der persönlichen Geschichte des nervösen Menschen und durch erziehliche Beeinflussungen die Hemmungen, Ängste und Minderwertigkeitskomplexe abzubauen und ein gesundes Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein aufzurichten. Daß die Individualpsychologie in der Umwandlung von Mensch und Gesellschaft, die sich heute in der ganzen Welt vollzieht, eine so hervorragende Bedeutung gewinnt, liegt in der Tatsache, daß sie den innigen Zusammenhang zwischen seelischen Störungen und gesellschaftlicher Situation des Individuums berücksichtigt: sie begreift die heute häufigsten Formen der Nervosität als Produkt der Sozialform des Hochkapitalismus und glaubt, die Beseitigung der Nervosität des hochkapitalistischen Menschen sei nur analog dem Umbau des Hochkapitalismus zu erreichen, mit der Verwirklichung einer sinnvoller lebenden Gemeinschaft, einer in geringeren Reibungen lebenden Gesellschaft. Später als in Mittel-Europa, von der sie ausging, hat die Individualpsychologie im angelsächsischen Bereich Eingang gefunden. Der Grund dafür liegt in dem dort erst später beginnenden Abbau des Hochkapitalismus. Ihr Erfolg beruht darin, daß sie eine große Anzahl von Elementen enthält, die den bürgerlichen Schichten den Prozeß der sozialen Ausgleichung und Einebnung erleichtern. So ist die Rezeption der Individualpsychologie ein Gradmesser der sich vollziehenden Entindividualisierung der hochkapitalistischen Gesellschaft im Sinne einer Rationalisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen, nachdem die Sachwelt bereits auf den letzten Stufen der Rationalisierung angelangt ist. Der Erfolg der Individualpsychologie bietet ein gutes Beispiel dafür, daß neben der bewußten Umformung der Sachwelt eine bewußte Menschenformung und -führung nicht vernachlässigt werden darf* Erich Rosenthal 219