Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1937)
- Article
- Am Sockel der Freiheitsstatue im Hafen von New York
- Date
- 1937-07-01
- Page
- 178 (sequence 2)
- Language
- German
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positiven Judentum, das schon vor Herzl dem politischen Zionismus nahesteht Noch ihr letztes Werk war der Lösung der Judenfrage gewidmet. Als die schöne Frau mit den tiefen dunklen Augen im Jahre 1887 noch nicht vierzigjährig starb, da weihte ihr Whittier einen Nachruf, in welchem er unter den Trauernden „auch die Stimme der christlichen Töchter" neben „dem Jammer der Töchter Jerusalems" vernahm. Mehr als ihr Wesen sind ihre Werke heute vergessen. Aber ihr Sonett auf die Freiheits-Statue, „The Colossus", wurde nach ihrem Tode auf eine Gedenktafel übertragen; sie ziert den Sockel jenes Bildwerks, das den Einwandrer im Hafen von New York begrüßt B.B.St. Egon Friedeil, „Kalturgeschichte des Altertums4', Erster Band. Helikon-Verlag, Zürich. Von Egon Friedeil, der selbst ein guter Anekdotenerzähler ist, wird erzählt, er mache sich nicht viel aus Komplimenten über seine berühmte „Kulturgeschichte der Neuzeit", dagegen freue er sich ehrlich, wenn man seine Schauspielkunst bewundere. Nun ist in der Tat seine Schauspielkunst nur als Äußerung seiner geistigen Persönlichkeit belangvoll und seine innere Beziehung zum Theater ist umgekehrt aus seinem Schrifttum nicht fortzudenken. Er gehört zu jenen Komödianten, die einen Pfarrer lehren können, und bereits seine am Burgtheater aufgeführte „Judastragödie", die ein Problem seines neuen Kulturwerks anschneidet, verbindet kühn Theologie und Theater. Und von seinem Meister Max Reinhardt, dem er die dreibändige „Kulturgeschichte der Neuzeit" widmete, hat er es gelernt, seine Regiekünste immer aufs neue zu variieren. Die zweibändige „Kulturgeschichte des Altertums", — es hegt zunächst der erste Band vor — die Knut Hamsun zugeeignet ist (er nahm die Zueignung mit den Worten an, daß er sich durch sie „mehr unverdient hoch geehrt fühle als durch einen Literaturpreis"), ist ganz anders angelegt als das frühere Buch. Während dieses ein kompiliertes Kompendium war, allerdings eines von einer Wissensübersicht und Darstellungsgabe, wie sie sich bei solchem Thema nicht leicht übertreffen lassen, zeigt der erste Teil der Kulturgeschichte des Altertums, „Ägypten und Vorderasien", den Verfasser wieder als virtuosen Beherrscher seines Instruments, der aber die Bühne seines Welttheaters diesmal weniger nebeneinander als in die Höhe aufbaut Friedeil rückt als Anhänger der Atlantis-Theorie, mit der er in überzeugender Weise überraschende Zusammenhänge zwischen den Kulturen Ägyptens und Hellas' einerseits, Perus und Mexikos andrerseits erklärt, Erdteile zusammen, und er reißt, um ein Beispiel zu nennen, die schweigsam-beredte Kultur des Pharaonenlandes so aus geschichtlichem Dunkel, daß die Ägypter uns fast wie Menschen unserer Zeit greifbar werden. Entscheidend aber ist die religiöse Grundidee, die das Werk zusammenhält Sein Untertitel lautet: „Leben und Legende der vorchristlichen Seele", und es ist Friedeil auch tatsächlich um eine Sinndeutung der Weltwende zu tun, nach der die 178