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Der Morgen · 1937-07-01 · Heft 4 (Juli 1937) · p. 164

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 4 (Juli 1937)
Article
Die kleine Stadt taucht wieder auf
Date
1937-07-01
Page
164 (sequence 5)
Language
German
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I. L. ben Israel von einem Ausflug nach paartägiger Abwesenheit zurückgekommen, erzählte er mir alles inzwischen Vorgefallene. Es war nicht viel vorgefallen. Nur daß von den vierhundertfünfzig Juden alle bis auf zwei Familien ausgewandert waren. Sie bildeten in den fernen Großstädten Heimatvereine und schickten Geld zur Erhaltung der Gräber und zum Anstreichen der Schul. Manchmal kam auch einer zur Jahrzeit oder zum Abschied von seinen Toten, bevor er aus seiner neuen in seine neueste Heimat übersiedelte, nach Palästina oder Amerika. Ja, die Schul ist im schönsten Stand, sagte der Schammes, aber wir haben auch Jom Kippur kein Minjan. Und das Bethamidrasch? frage ich. Der Schwiegersohn meines Berichterstatters ist Fellaufkäufer, und im Bethamidrasch trocknet er die Felle der Hasen und Kaninchen. Die trefenen, blutigen Felle? denke ich, aber der Schammes sagt: Nu, es kommen auch Ziegen vor. An diesen Schwiegersohn erinnere ich mich gut, er muß zwei, drei Jahre älter als ich sein, galt als Halbidiot und ist nun Balhabajit, die letzte Stütze der Gemeinde, in deren altehrwürdigem Bethaus vor zweihundert Jahren große Meister gelernt haben und nun Kaninchenfelle getrocknet werden. Aber wir haben noch Glück, sagt der Schammes, die Synagoge in S. ist jetzt ein Kino. Und wie leben die Juden hier? Es sind nur zwei Familien, und sie sind miteinander verfeindet. Seit Jahren. Bitterböse. Es ist kein Spaß, sie hassen einander nicht etwa, weil niemand mehr da ist, dem sie sonst feind sein könnten, sondern sie sind verfeindet auf Leben und Tod, weil sie die Gemeinde sind, weil die Gemeinde noch Vermögen hat, die Schul, das Bethamidrasch, die Schulgebäude, die Friedhöfe, das Tauchbad, und weil der eine all dies Vermögen für sich selbst, der andere zur Nutznießung der wenn auch jetzt imaginären „Gemeinde" verwaltet sehen will, und da es Behörden gibt, die Rechenschaft fordern, wächst der Haß der beiden letzten Judenfamilien von Tag zu Tag. Ich habe mit beiden gesprochen und viel mehr gehört, als mir lieb war. Ich war auch in dem Haus und überall, wo ich einst zu Hause war, und über dem Erstaunen, wie groß ich alles, die Straßen, das Haus, den Hof, den Park in Erinnerung hatte und wie klein es nun erschien, hin ich nicht einmal sentimental geworden. Ich ging endlich, noch ehe meine Zeit abgelaufen war, mein Gepäck holen und fuhr weiter mit dem weder jubelnden noch traurigen Gefühl: Diese Stadt werde ich wohl nicht mehr wiedersehen. Warum auch? Von meiner Familie liegt kein Toter auf dem Friedhof. Ich bin auch nicht mehr wirklich hingekommen, aber in Gedanken sehr häufig in den letzten Jahren. Ich denke nicht mehr daran, was alles ich hätte lernen können, wenn die Juden der Stadt anders gewesen wären, ich lächle jetzt über ihre Be- 164

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