Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1937)
- Article
- Unsere "merkwürdige Lage"
- Date
- 1937-06-01
- Page
- 133 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895570-2907255--09853-2907317- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Brühl im April-Heft des „Morgen" folgendermaßen: „Wir Juden kommen zuweilen in die merkwürdige Lage, einen jüdischen Gelehrten zu feiern, der im eigentlichen Sinne des Wortes gar kein jüdischer Gelehrter ist, weil sein ganzes Schaffen der Umwelt gehört und ohne jede Beziehung zum Judentum blieb." Zu dieser Sentenz sei eine kritische Bemerkung gestattet. Wenn ein Lehrer mir einmal unter einen Aufsatz mit roter Tinte schrieb „Inhalt 1, Schrift 4", dann war er dazu berechtigt, weil er mich eben auch in Schönschrift zu belehren hatte; wenn man aber den jüdischen Gelehrten Levy-Brühl feiert oder kritisiert, dann hat diese Wertung (auch wenn ein guter Jude sie vornimmt) unbeschwert von dem Wissen zu geschehen, daß dessen Stärke auf wissenschaftlichem und nicht auf jüdischem Hegt. Natürlich: ein großer Gelehrter jüdischer Herkunft mag den Idealtyp des „jüdischen Gelehrten" vielleicht eher erreichen, wenn seine Beziehung zum Judentum über die Tatsache der Abstammung hinausginge. Bei ihm, wie bei jedem andern Juden, würde es uns eben freuen, wenn er auch guter und bewußter Jude wäre. Aber dies ist eine Frage menschlicher Gegebenheiten (vielleicht sogar Unzulänglichkeiten) und hat mit einer Wertung des Werkes nichts zu tun. Wie sehr müßten wir die Grenzen jüdischen Geisteslebens verengen, wollten wir daraus alle Leistungen entfernen, deren Schöpfer bessere Fachleute als Juden waren? Wird für uns die (auch jüdische) Bedeutung Spinozas durch den Bann gemindert, den die Kehilla zu Amsterdam gegen ihn erließ? Gibt uns der „Rabbi von Bacherach" deshalb weniger, weil wir wissen, daß sein Dichter die Taufe nahm, oder mißfällt guten Juden plötzlich die Mu- . sik zum „Sommernachtstraum" oder die Hebriden-Ouverture, wenn sie daran denken, daß ihr Schöpfer, leider, kein Sachwalter des jüdischen Erbes Moses Mendelssohns wurde? Eine logische Weiterentwicklung von Gerhardt Neumanns Betrachtungsweise würde zu folgender Art von Sportbericht führen: „Nur widerstrebend vermeldet die Rotationspresse unseren Lesern (sie mögen es uns verzeihen!) den neuesten Sieg des Boxmeisters Abraham Kohn, ist doch nur allzu bekannt, daß er weder täglich Tefillin legt noch der Schekelpflicht pünktlich genügt." Die Worte über den „jüdischen Gelehrten" sind vor allem auch von der Grundlage nationaljüdischer Gesinnung her abzulehnen. Das Judentum ist — Zionisten haben dies zuerst klar ausgesprochen — nicht nur eine Sache privater Überzeugung und persönlichen Bekenntnisses; es liegt uns unentrinnbar im Blut, und uns ist aufgegeben: „to make the best of it". Und deshalb gerade haben wir uns dagegen zu wenden, wenn über einen jüdischen Denker oder Künstler gesagt wird, daß „sein ganzes Schaffen ... ohne jede Beziehung zum Judentum" sei. Ist unser Judentum denn nicht eine Erbmasse, die sich in unserem Werk (mag es thematisch nun jüdisch sein oder nicht!) stets und stark widerspiegelt? Ist nicht jede Leistung eines Juden — mag er persönlich selbst jede jüdische Bindung leugnen — ein Werk jüdischen Geistes? 133