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Der Morgen · 1937-06-01 · Heft 3 (Juni 1937) · p. 132

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 3 (Juni 1937)
Article
Gundolf über Rilke [Rezension]
Date
1937-06-01
Page
132 (sequence 2)
Language
German
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einen ähnlichen Griff des Entrückten in die Sprache zu finden, eine ähnliche Besessenheit aus Entrücktheit." Denn diese Worte schrieb Gundolf selbst als Todgezeichneter. Gundolf begreift Rilke geradezu als Widerpart Stefan Georges; und während er seinen tiefgründigen „Kleist" einst verfehlte, weil er ihn mit Goethe-Augen maß, wird er der Erscheinung Rilkes mit dem Gegenbild ganz gerecht. Er faßt Rilke von den Ausläufern des europäischen Naturalismus her auf, in dessen Gefolge er sich der Erledigten und Beleidigten annahm und die - Reize des neuentdeckten Alltags wissenschaftlich-gierig nachschmeckte. Im Gegensatz zu George war Rilke also um die Jahrhundertwende ein „Zeitgemäßer", während ihn von unserer Gegenwart des Aufruhrs der Massen seine Edelmannskultur trennt, die sich in seiner Kunst äußert, im Vers Gespräche zu führen, und in der Gabe, vernachlässigte Worte „ins Gespräch zu ziehen", d.h. reim- oder richtiger lyrikfähig zu machen. Fortdauern werde Rilke, meint Gundolf, wegen seiner unbeschränkten Meisterschaft der Sprache, deren innere Antriebe „die Wahllosigkeit seines Griffs und die Unbedingtheit seines Ergriffenseins" sind. Gundolfs eigene . Wortgewalt ist in Rilke-Rede so kraftvoll wie nur je, etwa wenn er den Begriff der „Wirklichkeit" deutet als das, „was wir wirken und was auf uns wirkt" oder wenn er für Rodin den schlagenden Ausdruck eines „Marmormusikers" prägt. Schon vor sechs Jahren sagte der Heidelberger Literaturprofessor dem „Ermeßlichen" und „Feststellbaren" zugunsten einer Kunstbetrachtung ab, die unserer Verzauberung durch die Schwingungsstärke des Erlebnisses, die Dämonie der Erleuchtungen und die tieferen inneren Kräfte des Kunstwerks nachgeht Darum schenkt er dem Werden der kulturellen Persönlichkeit des Prager Dichters besondere Aufmerksamkeit und hebt einen „habsburgischen" und slawischen Zug an ihm ebenso hervor wie die Neigung zu romanischer Form. Jene Tradition, die Rilkes Mutter jüdisches Blut nachsagt, erwähnt er nicht und scheidet wissenschaftlich genau dessen Witz von dem Heines, Rilkes Pantheismus von dem Spinozas. Beobachtungen wie die, Rilkes Psychologie stelle „eine neue Mikroskopie der Seelenwahrnehmung" dar, lassen aber unwillkürlich an Marcel Proust denken, bei dem solche Blutmischung feststeht. Gundolf hat in seiner letzten Zeit geäußert, er habe seinen jüdischen Weg wohl noch vor sich. Man mag sich vorstellen, daß dieser Weg, wäre er nicht allzufrüh abgeschnitten worden, ihn auf die Erforschung solcher Fragen geführt hätte. Lutz Weltmann Unsere „merkwürdige Lage" Die Sdiriftleitung gibt der folgenden temperamentvollen Zuschrift Raum, nicht weil sie damit einverstanden ist, sondern um durch die Darstellung einer Zeitfrage in typischer Doppelbeleuchtung zu eigener Stellungnahme anzuregen. Gerhardt Neumann beginnt seine Würdigung des Soziologen Levy- 132

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