Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-05-01 · Heft 2 (Mai 1937) · p. 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 2 (Mai 1937)
Article
Kleist-Briefe [Rezension]
Date
1937-05-01
Page
92 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895569-2907170--09788-2907235
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Berichte, Niederschriften von Seelenkämpfen, die keinen späteren Leser kalt lassen können. Was Kleist sonst nicht sagen durfte: in den Briefen, vornehmlich in denen an seine Braut Wilhelmine von Zenge, an Ulrike und Marie von Kleist, an Rühle von Lilienstern konnte er sich ganz hingeben und seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Kurz nach Kleists 125. Todestag legt Minde-Pouet als Beginn einer neuen Kleist-Ausgabe zuerst nicht die Werke, sondern die beiden Briefbände vor1), nach dem oben Gesagten nicht verwunderlich. Die neue Ausgabe enthält eine sehr große Anzahl bisher nicht aufgenommener Briefe, unter ihnen viele, die zu den wertvollsten gehören, die wir kennen. Persönliche Bekenntnisse sind besonders in neu eingefügten Briefen an Adolphine von Werdeck zu finden: „Ach, ich trage mein Herz mit mir herum, wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht. Es treibt und treibt, und es kann nicht reifen." Auch sonst finden sich allenthalben wertvolle Ergänzungen. Juden betreffend finden wir zwei kurze Briefe an Rahel Varnhagen und eine Bemerkung über die „pretiös mit ihrer Bildung" tuenden jüdischen Gesellschaften, die ihm aber „die liebsten sein" würden. „Ein Freund vom Hause" nennt sich Kleist in den Briefen an Rahel und schreibt an sie: „Sie haben in Ihren Worten so viel Ausdruck als in Ihren Augen." Das Verhältnis J) Heinrich von Kleists Werke. 2. Auflage, neu durchgesehen und erweitert von Georg Minde-Pouet. Bd. 1 und 2, Leipzig 1936. Kleists zu den Juden ist, im Anschluß an Reinhold Steigs Buch „Heinrich von Kleists Berliner Kämpfe" (1901) oft falsch gesehen worden. Der Dichter war jeder Judenfeindlichkeit fern und stand — wie in der allgemeinen Politik — auch hier über allen Fragen. Ein kurzer Hinweis mag hier noch angebracht sein. Steig weist in seinem Buche einen schmähenden Nachruf auf Kleist, der nur —s— unterzeichnet ist, Saul Ascher zu und leitet daraus eine kleistfeindliche Stellung der Juden seiner Zeit ab. Es ist schon längst nachgewiesen worden, (von H. H. Houben und H. Rogge), daß der Verfasser jenes Aufsatzes der Journalist Friedrich Christoph Weisser war, der ihn selbst in seine „Sämtlichen Prosaischen Werke" aufgenommen hat. Nicht bekannt ist aber, daß Saul Ascher sich schon 1812 gegen einen solchen Vorwurf zu wehren hatte. In der Haude und Spenerschen Zeitung vom 23. Januar 1812 — 2 Monate nach Kleists Tode — heißt es: Nöthige Erklärung. Der im Morgenblatt Nr. 310 abgedruckte und mit der Signatur —s— versehene Aufsatz: öffentliche Seligsprechung und Vergötterung des Meuchel- und Selbstmordes in Deutschland, ist nicht von mir. Dr. Saul Ascher. Die neue Ausgabe von Kleists Briefen, die reichen Bildschmuck enthält und hübsch ausgestattet ist, wird viele Freunde finden. Zu bedauern ist nur, daß das Faksimile des Briefes an Goethe, der die festen Züge Kleists deutlich zeigte, weggefallen ist. Fritz Aronstein 92

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.