Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-05-01 · Heft 2 (Mai 1937) · p. 90

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 2 (Mai 1937)
Article
Rudolf Otto zum Gedächtnis
Date
1937-05-01
Page
90 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895569-2907168--09782-2907233
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Schleiermachers „Reden über Religion" zurückgehen, um etwas Ähnliches zu entdecken, und noch eher vielleicht wegen der Verwandtschaft der Haltung auf al-Ghazalis „Ichja uium-id-din" (Wiederbelebung der Wissenschaft der Religion) im Islam oder Bächja ibn Pakudas „Herzenspfiichten" im Judentum. Rudolf Otto drang dadurch in tiefere Schichten der Religion, daß er diese von der Ratio wie von der Ethik abgrenzte. Das Erschauern vor dem 'Verborgenen Gott' wurde ihm zu einer völlig eigenen, neuen Erlebnis- und Wertfunktion des menschlichen Geistes. Dieses Erschauern bezeichnete er als ein rein gefühlsmäßiges, begriffsloses Erfahren, nach Ursprung und Wirkung auf das ewig Unbegreifliche, das jGanz-andere', auf Gott gerichtet; erst nachträglich dürfen fortschreitende Klarheit der Begriffe und die Ansprüche der Sittlichkeit in die Sphäre des Heiligen Einlaß finden, um das Bewußtlose zu erhellen. Diejenige Religion wird die höchste sein, in welcher der Ausgleich zwischen dem irrationalen und rationalen Moment am weitesten vorgeschritten ist — und das sei, meinte Otto, im Christentum der Fall. Grundhaltung müsse aber das Numinose bleiben, als Anlage jeder Menschenseele eingeboren, wirksam in der Ahnung besonders dafür begabter Menschen. Ihre Reihe beginne bei Abraham, der sich Staub und Asche vor Gott nennt und doch mit ihm Zwiesprache hält; sie finde einen Höhepunkt in Jesajas Tempelvision und der Audition des dreimal „Heilig", ihre Absolutheit in der christlichen Heilsverkündung. Wir verschweigen nicht, das Ottos religionspsychologische Methode, wurzelnd in Kant und Fries, sowohl auf katholischer wie evangelischer Seite lebhaft bekämpft wurde. Insbesondre hat Friedrich Karl Feigel (Duisburg) darauf hingewiesen, daß höhere Religion nie ohne Begriff noch ohne moralische Begleitmomente vorhanden war und daß ein Gott als das „Ganz-andere" uns ewig unerfahrbar bleiben müßte. Dennoch bleibt bestehen, daß von Ottos Buch eine große Besinnung ausgegangen ist, die den altbiblischen Gottesbegriff in weitem Umfang gerechtfertigt hat. Lag die Stärke des Forschers in feinem, ausdrucksfähigem Nachempfinden ursprünglicher Religiosität, wo immer sie in Erscheinung tritt, so konnte er, der in den Domen der Christenheit wie in Moscheen und indischen Tempeln heimisch war, am Gottesdienst der Synagoge nicht achtlos vorübergehen. Wie Heinrich Frick in seiner Gedächtnisrede erzählte, hat Otto in einer armseligen marokkanischenSynagoge am Versöhnungsfeste beim flackernden Kerzenschein als lebenbestimmenden Eindruck den Schauer der Heiligkeit erfahren, wie er schon als junger Theologe in einem kleinen hessischen Städtchen im Manöver einquartiert, in der sabbatlichen Zeremonie des Kiddusch, der Weihe über Wein und Brot, die Urform des Herrenmahls wiedererkannte. Noch in seinem 1934 erschienenen Werke „Reich Gottes und Menschensohn" unterstreicht er, daß alle noch so tiefen Konzeptionen vom Verhältnis des Menschen zum Transzendent-Göttlichen, die auf anderem Boden gewachsen sind, doch ihre volle Tiefe erst gewinnen, 90

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.