Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Titanensturz [Rezension]
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 87 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895569-2907166--09775-2907230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sammendrängung von Begegnungen, Handlungen, Ereignissen den Querschnitt durch eine ganze Epoche. Zu unterscheiden, was davon Dichtung ist und was Wahrheit, ist nicht möglich; denn um dieses Schiff und die Reisenden darauf mit teilweise weltweit tönenden Namen hat vom Stapellauf bis zur Katastrophe die Legende kaum durchdringliche Schleier gewoben. Dem Verfasser ging es auch um ganz anderes: darum, ein Fanal und Mahnmal zu errichten gegen die hybride, im Grunde stumpfsinnige Anbetung, seelenloser Technik, die das Wirtschaftsleben, die Politik, überhaupt fast alle Gebiete einer untergangnahen Zeit beherrschte. Zwei Jahre später schrieb man 1914... Hier im Raum des Riesenschiffes treffen sich in Vereinigung und Gegnerschaft jeder Art die Vertreter vieler Schichten, Rassen, Anschauungen und Bekenntnisse. Aus der Fülle sei an dieser Stelle besonders auf zwei Szenen der jüdischen Sphäre hingewiesen. Da ist einmal eine scharf zugespitzte Diskussion der zionistischen Idee zwischen einem fanatischen Anhänger und einem nicht weniger fanatischen Gegner, der das völkische Leben, die nationale Aufgabe des Judentums mit der Zerstörung des Tempels erloschen sieht. Die andere Szene von jüdischer Prägung, dabei freilich von höchster und allgemeingültiger Menschlichkeit, ist das Ende des alten Ehepaares Straus, das jede Rettungsmöglichkeit, die Trennung bedeuten könnte, zurückweist und gemeinsam, gestützt von den ehrwürdigen Bräuchen, in tiefem Seelenfrieden den Tod erwartet. Der Roman schließt, nach Kampf, Versagen, Heldentum, wie im Abglanz dieser höchsten Harmonie. Der große stählerne Sarg ist gesunken; die aufgeregten Wellen der Funkstationen sind zur Ruhe gekommen; die Geborgenen versammelt der Kapitän des Dampfers, der sie aufgenommen hat, zu seemännischem Gottesdienst; spiegelglatt liegt die See, und der nächtliche Mörder, der riesige Eisberg, leuchtet nun im klaren Tageslicht. Mit straffer künstlerischer Selbstzucht teilt Prechtl jedem seiner zahlreichen Einzelbilder bei aller liebevollen Ausmalung sein genaues Maß im Gesamtrahmen zu. Darüber hinaus hat er die gerade in diesem Falle besonders schwere Aufgabe zu lösen gewußt, einem Buch, dessen Ausgang jeder Leser von der ersten Zeile an kennt, die spannungsvolle Teilnahme bis zur letzten Zeile zu erhalten, und einem gewaltigen Ereignis würdiger Schilderer und Deuter zu sein. E. E. Ausgewandert 1902 Freunde, die ihr jetzt in See geht: diesen Brief, der so, wie ihr ihn vor euch seht, in diesen Tagen eintraf, nehmt mit auf euren Weg. Ja, ich stell ihn euch in all seiner ungelenken Einfalt wie ein Geleit voran. M. L. „Farem H... bei K..Süd-West- Afrika, den 21.tenMärz 1937. Lieber freund, zu eins geht mein aufrichtiger wünsch und hoffnung dahin, daß dieses Sie und Ihre Familie bei recht guten gesundheit und bestes Wohlergehen antreffen 87