Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1937)
- Article
- Mensch und Geschichte [Rezension]
- Date
- 1937-05-01
- Page
- 84 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Presseschau: Mensch und Geschichte Auf die immer wieder problematische Beziehung des Menschen zur Geschichte gehl der bekannte Orientalist Hans Heinrich Schaeder in einem schönen Aufsatz über „Jacob Burckhardt und die geschichtlichen Mächte" ein (Europäische Revue, 13. Jahrg., Nr. 4). „Seit mehreren Menschenaltern", sagt Schaeder, „ist der europäische Mensch von Jugend auf an die Beschäftigung mit geschichtlichen Dingen gewöhnt. Frühzeitig wird ihm eine Fülle von Tatsachen aus dem vergangenen Leben der Nation, der er angehört, ihrer Nachbarn und geschichtlichen Vorfahren mitgeteilt und eingeprägt. Wer sich dazu berufen fühlt, steigt von dieser Stufe zu selbständigem Umgang - mit der Geschichte, im besonderen Falle zu eigener geschichtlicher Forschung auf. Er lernt vergangenes und gegenwärtiges Leben in seiner Totalität geschichtlich sehen und durchdenken. Von diesem Verhältnis zur Geschichte, das jedermann kennt, ist es ein großer Schritt, vielmehr ein Sprung, der auch als solcher empfunden wird, zu einer geistigen Haltung, der es nun nicht mehr um das Erfahren der Geschichte als eines objektiven Sachverhalts geht, dem man als distanzierter Zuschauer gegenüberstehen könnte. Wer diesen Schritt tut, fühlt sich nicht mehr als Betrachter der Geschichte, sondern wird in ihren großen Strom hineingezogen und von ihm fortgetragen; sie wird das Element, in dem er atmet und lebt — aus einem Bestand von Daten und Tatsachen, die er nach Gutdünken betrachten oder auf sich beruhen lassen kann, wird eine flutende Bewegung, die ihn in sich aufnimmt und. die er von nun an in jedem bewußten Augenblick erleidet. Diese Form des geschichtlichen Bewußtseins ist verwandt, aber nicht gleichbedeutend mit der andern, in der ein Mensch sich selber geschichtlich wird, in der er sein Leben und sein Ich in einen objektiven Geschehensablauf eingeordnet anschaut. Der Durchbruch einer Gewißheit, daß die Geschichte nicht etwas außer mir Befindliches, von meinem Leben ablösbares ist, sondern daß ich ihr gehöre wie der Natur, daß sie meine Erinnerung, mein Wissen von der Vergangenheit, mein Glaube an die Gegenwart, meine Hoffnung auf die Zukunft ist — dies Erlebnis fällt zusammen mit einem andern: mit dem Erlebnis der Gemeinschaft. Die Geschichtlichkeit meines Daseins: das ist nichts anderes als mein Eingeordnetsein in Stand, Volk, Kulturgemeinschaft. Die Begegnung mit dem Kunstwerk, die Berührung mit dem Ewigen im Glauben widerfahren dem einzelnen in seiner Einsamkeit — so gewiß auch sie Einverständnis und Gemeinschaft hervorbringen. Die Erfahrung der Geschichte dagegen ist — unbeschadet der ästhetischen) und religiösen Züge, die in sie eingehen — Erfahrung der Gemeinschaft. Das heißt aber, daß ich mich in ihr einem Gefüge eingeordnet finde, das mich wohl trägt und sichert, aber zugleich beansprucht und als Macht über mich verfügt, ohne daß ich in ihm als Individualität untergehe." F.F. 84