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Der Morgen · 1937-04-01 · Heft 1 (April 1937) · p. 48

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 1 (April 1937)
Article
Eine Freitag-Abend-Liturgie
Date
1937-04-01
Page
48 (sequence 2)
Language
German
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den Zusammenklänge eine spezifisch jüdische Musik zu gewinnen. Die Pentatonik, das System der fünfstufigen Tonleitern (im Gegensatz zu dem im Abendland herrschenden siebenstufigen) ist wohl das älteste aller uns bekannten Tonsysteme. Bei den Mongolen, bei den Negern Afrikas, den Urbewohnern Amerikas, bei den Kelten Westeuropas, bei den Griechen und vielleicht auch bei den Juden (wir wissen es nicht) beherrscht es die Anfänge der Musik, ist aber heute noch bei vielen Völkern das vorherrschende Tonsystem; andere Systeme haben es teilweise verdrängt, haben sich aber auch aus ihm, wie wir es von den Griechen wissen, allmählich herausgebildet. Die Pentatonik ist keine primitive Erscheinung, sondern ein sehr verwickeltes Tonsystem. Es ist richtig, daß der minhag aschkenas, der „deutsche Ritus", in Anlehnung an die erste und einzige ältere Notierung durch Johannes Reuchlin („De accentibus et orthographia linguae Hebraicae", 1518) die Neginot pentatonisch auflöst (aber nur in der ersten der drei pentatonischen Tonreihen, die, populär gesprochen, den schwarzen Tasten der Klaviatur entspricht), wobei die Pentatonik noch durch Diatonik (d.h. Folge von Ganz- und Halbtönen) und durch Hinneigung zu den abendländischen Durtonarten schon oft genug durchbrochen wird. Aber daß diese Pentatonik nun unbedingt jüdisch sein oder wirken müsse, ist entweder ein frommer Wunsch oder ein subjektives Hinein- oder Heraushören. Der englische Komponist Sullivan in seiner Operette „Der Mikado", Puccini in „Madame Butterfly" verwenden pentatonische Anklänge als folkloristisches Lokalkolorit. Und Johann Strauß' „Zigeunerbaron" mit dem rein pentatonischen Walzer: „Das wär kein rechter Schifferknecht" ist sicher keine jüdische Musik. Aber auch Weinberg hält sich nicht ausschließlich an die fünfstufigen Tonreihen; er gibt sie oft auf, benutzt die Terz als Harmonie (Dreiklang) bildend und zieht aus der Terzverwandtschaft der Tonarten manche Wirkungen, so daß man kaum von einem servicio pent a t o n i c o sprechen kann. Diese, auf unsere heiligsten Worte komponierte amerikanische Liturgie ist wirklich keine spezifisch jüdische, aber, und das ist wichtig genug, sie ist zum Teil ausgezeichnete Musik, wert gehört, wert teilweise auch in unseren Synagogen eingeführt zu werden. Man kann einzelne Stücke, wie den leider sehr gekürzten Sabbatpsalm, weschomru und adon olam ebenso in unsere Gottesdienste hineinnehmen, wie man die zum stillen Gebet und zum Kaddisch komponierten Orgel-Solostücke, an denen wir ohnehin empfindlichen Mangel haben, spielen lassen sollte. Populär freilich wird diese trotz primitiver Grundlage sehr komplizierte Musik niemals werden, wie ja der ganze musikalische Impressionismus niemals in die Menge gedrungen ist Die Form dieser Liturgie ist die eines Konzerts, daß heißt die notwendige aktive Mitwirkung der Gemeinde ist bei diesen Gesängen unmöglich. Trotzdem war die Aufführung sehr dankenswert. Oskar Guttmann 48

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