Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Diesseits und jenseits vom Aequator
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 38 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Benjamin: Diesseits und jenseits vom Äquator und die Japaner bleiben wie überall in der Welt in einem verschwiegenen Abseits. In S. Paolo meint man, seine tüchtigen Bewohner, Paulista genannt, verdienten das viele Geld, das der genießerische Phäake am Meer, carioca genannt, in Rio leichtlebig ausgibt, — ein politischer Gegensatz, der sich bis zu blutigen Bürgerkriegen zwischen den beiden Bundesstaaten steigerte. Viele Juden aus Deutschland sind in diese Stadt gezogen. Sie fühlten sich den erschlaffenden Gefahren des seelischen Klimas in Rio nicht gewachsen, weil sie selber dem vegetativen Zustande seit Jahrtausenden entwöhnt sind. Hier aber in der nüchternen Umwelt des unfertigen Koloniallandes ist eine Menschenmillion zusammengekommen, die jedem Gutwilligen und Fleißigen Zugang und Leben verspricht. Sie erwarten ein Niemandsland, das ihnen ihre jüdische Gemeinschaft gewährt, weil es selber eine Neuwelt des Sozialen ist. Innerhalb einer gewissermaßen abstrakten Nützlichkeitsform schaffen sie vom ersten Tage an der Dichte ihrer mitgeführten Erinnerungen. So baut sich jüdisches Leben wieder ein jüdisches Schicksal. * In Spanien sei der Bürgerkrieg ausgebrochen! Armes Europa!, sagten sie einem in Rio bei der Abfahrt. Das Wort Spanien hat seit Jahrhunderten seine bitteren Erinnerungen für unsereinen. Das Schiff ist wieder ein schwimmender Zauberberg, und ein Rühr-mich-nicht-an-Internationalismus gehtzwischen uns um. Trotzdem beobachtet man den und jenen Juden mit aufmerksamer Verantwortlichkeit, den weltbekannten Finanzmann, der seine täglichen Konferenzen hält, den unermüdlichen Geschäftsreisenden, der selbstgefällig nicht bemerkt, wie er mit allzu aufdringlicher Tüchtigkeit andern zur Last fällt, den unbefangenen Schweizer Touristen, der das schönste Berner Dütsch spricht. Der Äquator wird glatt überquert, und ihm zu Ehren ist abends Ball an Deck. Ich plaudere mit Madame aus Rio, die die Gewohnheit hat, einen zwischen Foxtrott und Tango in die schwierigsten Unterhaltungen zu verstricken. Auch ich habe es nicht lassen können, ihr von den Juden zu erzählen. Madame blättert angestrengt in ihrem Köpfchen: „Jude? — Sie glauben also nicht an Jesus Christus?" — „Sie kommen mir spanisch vor, Madame! Das ist Weltgeschichte von vorgestern. Die Ingredienzen der Religionen sind mit der Zeit einander so ähnlich geworden wie ein himmlischer Völkerbund, und ihre Dogmen bedürfen früher oder später einer zeitgemäßen Auffrischung. Was aber die Juden betrifft, so sind sie ein zähes Völkchen, daß sie sogar in Ihrer Heimat Brasilien sich wieder zusammengeschlossen haben, um untereinander deutsch zu reden. Sie können es diesseits und jenseits des Äquators nicht lassen, sich immer wieder ihren eigenen Erdkreis zu zimmern!" 38