Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1937)
- Article
- Symbolisches Handeln
- Date
- 1937-04-01
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895568-2907070--09652-2907103- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Symbolisches Handeln also keine vorläufige Antwort geben für die, welche an den Messias glauben möchten, inzwischen jedoch nicht wissen, was der Tag ihnen bringt? In der Gemara steht der Satz: „Jeder soll sprechen: Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden." Las das ein Mensch des vorigen Jahrhunderts, so fühlte er es eigens für sich geschrieben. Das Leben war damals auch nicht leicht. Von der Religion hielt er nur einiges Moralische, doch als aufgeklärter Mann glaubte er an die Ideen des Guten, Wahren und Schönen, an den Wert der Bildung, an die Sicherheit der Wissenschaft, an die Dauerhaftigkeit des Kurses der Renten und vor allem an sich selbst. „Jeder soll sprechen: Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden." Was sagen wir dazu? Unsere Erfahrung würde uns raten, ein verblüfftes Gesicht zu machen und trübe zu lächeln; und doch bleibt von diesem Satze etwas zurück, das geradewegs wärmt, strafft, aufrechter gehen, mutiger denken läßt. Judentum ist Religion und fordert Glauben, ist Gedankengebäude und fordert Denken, ist Haltung und fordert — Handeln. Man braucht es nicht zu säkularisieren, weil es nie „geistlich" war; man könnte das auch nicht, weil es in dieser Welt, eben wie sie ist, stehen, leben, wirken will. Man hat ihm vor lauter Vergeistigung zu sehr den Körper genommen. Doch in antiker Unschuld hat das Judentum, wie Sokrates, immer an der Ansicht festgehalten, daß Tun zum Denken, Denken zum Glauben führt, nicht umgekehrt. Und das ist, gegen alle Skepsis, wahr. Schwerlich wird es je eine jüdische Erziehung ohne Religion geben, soviel an dem Überlieferten neu zu sehen, vielleicht — wissen wir es? — weiterhin unverstanden mitzuschleppen oder abzulegen ist. In solchen Zügen, die eine Haltung ausdrücken, vor aller Meinung, vor allem Glauben, gibt es jedoch jüdische Erziehung vor der Religion. Es ist das echtere Judentum, schlichter, einfacher, alltäglicher, wirksamer. Zwar ist es auch nicht greifbar, auch nicht lehrbar, solange man auf einem Fuße steht. Doch schon seine kleinsten Züge lassen durchscheinend ins Innere sehen. Hier lockt ein Ziel, weil ein Weg führt. Jene einfache, bedeutungsschwere Geste des Aphikoman ist ein Weg. H.B. 4