Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Zeitnotizen
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 529 (sequence 1)
- Language
- German
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DER MORGEN / Monatsschrift der juden in Deutschland BEGRÜNDET VON PROFESSOR DR. JULIUS GOLDSTEIN, DARMSTADT 12. JAHRGANG MARZ 1937 HEFT 12 Zeitnotizen Als im vorigen Jahrhundert der Weltpostverein begründet wurde, nannte ein keineswegs überschwänglicher Abgeordneter ihn „das poetischste Ereignis des Jahrhunderts". Für ein paar Dutzend Regierungen waren es schwierige Verhandlungen, für den Mann auf der Straße eine kleine Portoverbilligung und ein paar Formalitäten weniger; sehr nüchterne Dinge. Poetisch war nur die Idee und — die Verwirklichung einer Idee. In dem gleichen Sinne bilden die kahlen, schmucklosen Zahlen und Statistiken des Arbeitsberichts für 1936, den der Zentralausschuß für H ilfe und Aufbau bei der Reichsvertretung vorlegt, ein Kapitel aus dem Epos einer Geschichte der Juden in Deutschland, — in starre Zeichen gebannt lebendige Wirklichkeit und Wirksamkeit. Unsichtbar trägt der Bericht die Überschrift: Wie ein Schicksal geformt wird. Das Schicksal ist gegeben; es kommt auf die Kraft an, ob es nur ertragen, ob es in eigener Gestaltung ausgeglichen, überwunden, sinnvoll gestaltet werden kann. Mit knappen Mitteln sind große Anforderungen zu bewältigen: Wanderung und Schulwerk, Wirtschaftshilfe und Wohlfahrtswesen verlangen gleiche Aufmerksamkeit. Die kleinen Gemeinden schrumpfen zusammen; 276 Gemeinden sehen sich außerstande, selbst die Kosten für Auswanderung und Berufsausbildung ihrer Mitglieder zu tragen. Hier muß die Gesamtheit eintreten. Und wie darin ohne große Worte der Gedanke verwirklicht worden ist, daß die Glieder einer Schicksalsgemeinschaft füreinander einzustehen haben, so kommen großzügige Spenden ausländischer Juden einem Schulwerk zugute, das wir allein nicht mehr bewältigen könnten, — ein niederdrückender Gedanke angesichts der Erinnerung, welche Opfer wir selbst in früheren Zeiten bei Katastrophen 529