Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Ordnung / A-g.
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 524 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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spielt, konnte leider noch nicht ermittelt werden, nach welchen Gesichtspunkten Herr Kaminer seine El mole rachamim-Macher ausgewählt hat: ob nach der Fähigkeit ihrer Stimme, nach dem Grad ihrer Bescheidenheit oder nach dem Maß ihrer Bedürftigkeit. Es steht auch nicht fest, ob Herr Kaminer seine Leute entsprechend der Stärke der Parteien in der Warschauer Repräsentantenversammlung ausgesucht hat, um so seine bekannte Unparteilichkeit wieder einmal unter Beweis zu stellen. Der Schleier Jakob Die Wende der Zeit, in die wir hineingeboren sind, stellt ihre Schicksalsfrage, Rückschau zu halten, den langen Weg unseres Marsches zu überprüfen, der leisen Stimme zu lauschen, ob sie auf die schier unlösbaren Fragen antworte. In diesem Ringen um ein neues Sein, um neue Werte flüchtet das Auge suchend zu unseren Vätern, ob wir in ihrem Wesen, in ihrer Frömmigkeit, im Geist ihrer Gemeinschaft Schutz finden vor der niederbrechenden Lawine, die Kraft und die Zuversicht, neuen Glaubens zielwärts zu schreiten. In das vergangene Jahrhundert leuchtet Picard in seinem Buch „Der Gezeichnete, Jüdische Geschichten aus einem Jahrhundert" (Jüdische Buchvereinigung, Berlin 1936). Als feiner, formvollendeter Lyriker hat Picard sich bereits einen Namen gemacht, ein Künstler voll Achtung vor der Form und voll Verantwortungsbewußtsein. Zwei Erlebnisse bestimmen seine Dichtung: die Heimaterde und der Krieg. In dem „Ufer" (1913) bedes Unerforschten Hegt über seinen Motiven, und es darf nur gesagt werden, daß er ein Mensch von Herz und Verstand sein muß. Denn zwischen den Toten Ruhe herzustellen, mag etwas schwierig sein, wenn es sich um Lebende handelt; und erst recht, wenn die Lebenden dadurch, daß sie sich an den Haaren ziehen, zeigen wollen, daß sie noch am Leben sind. Sie haben zwar nicht das beste Leben. Aber sie liefern immerhin den Beweis dafür, daß das Leben nicht auf dem Friedhof endet. A—g. Picard singt er die Schönheit des Bodensees mit seiner Weite und seinem zirpenden Ried, die fahrenden Boote, die reifen Kornfelder, im Hintergrund die sich immer höher erkühnenden Schweizer Berge. Aus dem Boden der Landschaft wachsen seine Menschen, Teil der gewaltigen Schöpfung. Bereits die ersten Gedichte zeigten Reife und Vollendung; Landschaft und Menschen sind lebensnah, kein falsches Pathos stört die Musik seiner Worte. Der Krieg hat ihn wie alle Dichter seiner Generation aufgerüttelt und aufgewühlt, daß er aus dunkler Tiefe neue Fragen an das Dasein stellte. Picard klagt nicht an („Erschütterung" (1920); im schwersten Feuer kein Schrei der Verzweiflung, — Krieg ist ihm Schicksal, wir müssen unsere Pflicht tun, uns den unerforschlichen Rätseln des Alls beugen. Im Grauen der Schlacht bewahrt er seine menschliche Stimme, findet er zarte Töne, hingeneigt der fremden Landschaft, den Bäumen, den Straßen, auf denen jetzt die Heeressäulen ziehen und um 524