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Der Morgen · 1937-02-01 · Heft 11 (Februar 1937) · p. 523

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 11 (Februar 1937)
Article
[Rezension]
Date
1937-02-01
Page
523 (sequence 2)
Language
German
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zügen die Farbe des Lebens, dem Schlag seines Herzens sympathieerweckende Kraft, seinem grauenhaften Ende Reinheit und Adel zu geben. Sahen wir die Epoche der „terreur" bisher nur mit den Augen Dantons, von der Seite des Gefühls und der sorglosen Kraft, so ruht auf ihr nun der unbestechliche und in seiner Unbestechlichkeit großartige Blick des Prinzips. Aber Sieburgs Buch ist mehr als ein Roman, mehr selbst als ein Niederstieg in das innere Frankreich. Es ist eine Soziologie der Schreckensherrschaft, dargestellt an ihrem klassischen Beispiel, eine Schilderung ihrer Macht über die Gemüter, der Feigheit ihrer Gegner und der Gründe ihres endlichen Sturzes. Jenseits von Zustimmung und Ablehnung sehen wir ein mitleidloses Gesetz abrollen, scharf und hart wie die Guillotine, die diesem Gesetz in Glück und Unglück gedient hat. Werner Cahnmann Ordnung Manche vertreten die Meinung, das menschliche Leben ende auf dem Friedhof; was es dann noch gebe, sei nicht besonders mitteilenswert. Vielleicht kommen sie zu einer andern Ansicht, wenn sie hören, was sich da in Warschau begeben hat. Auf dem Warschauer Friedhof nämlich gibt es mehr als streng ausgerichtete Grabsteine, Efeu und Bäume, die im Winde knarren: eine Schar von Leuten ist in Wind und Wetter, Sommer und Winter dort zu finden. Sie sind in eine Gilde zusammengefaßt. Jeder von ihnen hat einen Personalausweis mit Lichtbild, auf Verlangen vorzuzeigen. Dieser Ausweis bescheinigt, daß sein Inhaber berechtigt ist, auf dem Friedhof El mole rachamim zu machen, d. h. das Gedenkgebet für Tote zu sprechen. Wenn in Warschau jemand an ein Grab tritt, dann steht hinter ihm sofort der zuständige El mole rachamim-Macher, dem die betreffende Abteilung des Friedhofs von amtswegen zugewiesen ist. Er fängt an zu singen: mit lauter Stimme, mit weinender Stimme, mit halbweinender Stimme, gedämpft, leise. wie man es wiiL Der Wind raschelt in den Zweigen und trägt den Sang des El mole rachamim- Machers davon. Und wenn er ihn ganz davon getragen hat, dann ist selbiger El mole rachamim-Macher berechtigt, für seine Leistung eine milde Gabe zu fordern. Denn die Lebenden wollen leben. Herr Kaminer, der Vorsitzende der Chewra kadischa, der diese Ausweise nebst Lichtbild und die Einteilung in die zuständigen Abteilungen eingeführt hat, hat sich ein bleibendes Verdienst um die Mitwelt erworben. Kein Ei mole rachamim-Macher kann jetzt mehr einem andern ins Gehege kommen, und Zank und Streit werden verstummen. Der Wettbewerb der El mole rachamim-Macher ist in die Planwirtschaft einbezogen worden. Damit ist ihnen auch ein Existenzminimum gesichert, das sie sich mit dem Bleistift in der Hand ausrechnen können. Und El mole rachamim-Macher können gut rechnen. Sie wägen ihren Obolus schon mit den Augen ab, bevor sie ihn in Händen haben. Da diese Geschichte in Warschau 523

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