Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 480 (sequence 2)
- Language
- German
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Hier wird versucht, die gemüthafte Seite, die dem jüdischen Gebetswort innewohnt, einzufangen und dem religiös suchenden Juden unserer Tage zu vermitteln. Neben einer neuen Übersetzung des Textes gibt der Verfasser einen auf der jüdischen Traditionsliteratur gegründeten, leicht verständlichen Kommentar, in dem er sowohl auf die halachischen wie auf die agadischen Quellenschriften ausführlich eingeht. Ein besonderer Reiz der hier gebotenen Betrachtungsweise besteht in der reichlichen Verwendung der mystischen Literatur des Judentums, die tatsächlich in bisher nicht genügend beachteter Weise ihren Niederschlag in der jüdischen Gebetswelt gefunden hat. Als besonders dankenswert darf verzeichnet werden, daß Münk auch die häuslichen Gebete, die in solchen Darstellungen gewöhnlich nicht behandelt werden, mit in den Bereich seiner Einführung einbezogen hat. Allen, die in dieser Zeit sehnsüchtig danach ausschauen, einen lebendigen Anschluß an das geprägte Wort der jüdischen Gebetsliteratur zu finden, können die beiden Einführungsbände von großem Nutzen sein. * Die Diagnose, die das zweite Werk unserer Zeit stellt, ist zu bejahen. Münk ist der Auffassung, daß die Judenheit unserer Tage Hunger nach dem Geheimnis, das unserem Leben zugrunde liegt, nach dem Irrationalen in der Welt hat. Diese Sehnsucht soll durch eine in der Sprache unserer Zeit gebotene Wiederverlebendigung der mystischen Bestandteile des Judentums gestillt werden. Obgleich der Verfasser sich durchaus der Grenzen eines solchen Versuches bewußt ist, unternimmt er es, dem Leser durch eine übersichtliche Zusammenstellung der grundlegenden Anschauungen der kabbalistischen Schriften einen Begriff von der Weite und Größe dieser für die westeuropäische Judenheit fast unzugänglich gewordenen Literatur zu vermitteln. Dabei wird der Unterschied der Kabbala von der Mystik anderer Religionen dadurch erkennbar, daß alle großen jüdischen Geister sich mit einer Beseligung durch die Versenkung in das Geheimnis der Welt nicht zufriedengeben, sondern von sich aus eine Bejahung des jüdischen Gesetzes und der jüdischen Tat vornehmen. Trotz unserer Zustimmung zu dem Ziel, dem das Buch dienen will, können wir den hier gemachten Versuch keineswegs als gelungen bezeichnen. Bei aller Rationalität, die der jüdischen Mystik aufgrund ihrer Verbindung mit dem Gesetz der Tora innewohnt, kann eine auf Paragraphen gezogene Darstellung ihres Inhalts dem Spezifischen ihres Weges schlecht gerecht werden. Man muß schon selbst sehr stark im Bereich der Kabbala beheimatet sein, um die richtigen Sprach- und Darstellungsmittel zu finden. Jizchak Leib Perez' kleine Erzählung „Kabbalisten" z. B. (enthalten in den „Chassidischen Erzählungen", Schocken-Verlag, Berlin 1936) vermag mehr von der Eigenart der mystischen Welt des Judentums zu vermitteln als die sehr fleißig zusammengestellte, aber trocken anmutende Arbeit von Elie Münk. Die Sehnsucht unserer Zeit kann durch dieses Buch kaum gestillt werden. Hugo Hahn 480