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Der Morgen · 1937-01-01 · Heft 10 (Januar 1937) · p. 476

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 10 (Januar 1937)
Article
[Rezension] / Braunstein, Lola
Date
1937-01-01
Page
476 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
spine
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IRI
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Charles Baudelaire: Vers Choisis. Uebertragangen von Walter Moos bei Benno Schwabe & Co., Basel Es gibt so viele und vielgestaltige Baudelaire-Übersetzungen, daß sich in unserer Erinnerung Form und Eigenart des Originals immer mehr verwischen. Vor allem die Georgeschen Umdichtungen haben den „Fleurs du mal" einen ganz neuen künstlerischen Stempel aufgedrückt, der aber mehr die Persönlichkeit des Übersetzers als die des Dichters verrät. Beim Durchblättern der Vers Choisis in der Übertragung von Walter Moos atmen wir wieder den vertrauten Geruch, den die unsterblichen Verse von Baudelaire ausströmen. Die ganze differenzierte Skala der Gefühle, vom Rausch höchster Beseligung bis zum Abgrund tiefsten Ekels, vom lächelnden Verzicht bis zum „Goüt du neant" schwingt in farbigen Rhythmen von Zeile zu Zeile: ein glühend lebendiger Totentanz, der sich durch alle Himmels- und Höllenkreise zieht und die Erde durchwühlt mit seinem Schrei nach Erlösung. In wirkungsvoller Gegenüberstellung ergänzen sich Original und Übertragung zu unverfälschter Einheit. Man vergleiche den letzten Vers des sprachlich meisterhaften Gedichtes ,,L'Albatros": Le Poete est semblable au prince des nuees Qui hante la tempere et se rit de l'archer; Exile sur le sol au milieu des huees, Ses ailes de geant l'empechent de marcher. Dem Dichter geht es ähnlich wie dem Wolkenprinzen, Der jedem Wind und Wetter trotzt und lacht des Herrn; Dem, erdverschlagen, mitten im Gehöhn und Grinsen, Die beiden Riesenflügel schon das Gehn versperrn. Nur manchmal würde eine größere Wortfreiheit in der Übersetzung dem deutschen Geschmack mehr entgegenkommen, ohne dabei den geistigen Spielraum der Sprache zu übertreten, während an anderen Stellen eine kleine Änderung genügte, um den Wortsinn des Originals getreuer wiederzugeben. Und gerade Baudelaire gegenüber, der nur dem oberflächlichen Leser als ein Priester der Ausschweifung erscheinen mag, im Grunde jedoch ein harter und unerbittlicher Zuchtmeister seiner selbst war, ist man zu solcher Sorgfalt verpflichtet. Jedes scheinbar flüchtig und spielerisch hingeworfene Wort ist bei ihm ein mühsam gefundener unersetzlicher Baustein im Gesamtgefüge der Dichtung. Nur in ernstem Verantwortungsbewußtsein darf man die unvergleichlichen Bilder und Gedanken in eine andere Gefühlssprache übertragen. Denn unsere Gefühlssprache ist anders als die der Franzosen. Wir haben eine Scheu vor blumenreichen Symbolen, ebenso wie vor allzu krassen Realismen. Bei der verfeinerten Nuancierung der französischen Sprache dagegen verwischen sich diese extremen Konturen, so daß nichts zu deutlich gesagt wird. Dieser Gewandtheit des Ausdrucks im Deutschen nahe zu kommen ist eine seltene Fähigkeit, die dem Übersetzer der Vers Choisis in großem Maße gegeben ist. Lola Braunstein 476

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