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Der Morgen · 1937-01-01 · Heft 10 (Januar 1937) · p. 475

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 10 (Januar 1937)
Article
Golem
Date
1937-01-01
Page
475 (sequence 2)
Language
German
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wurde die große Mehrzahl sehr still und ernst. Monumental steht die Figur des Golem in der Mitte des Films. Um sie herum zerfällt er in zwei Teile: zuerst die schreckerfüllte Enge des jüdischen Ghettos, aus der sich wundervolle Menschen herausheben, allen voran Rabbi Jakob und sein Weib, dessen Bestimmung es sein wird, den Golem zum Leben zu erwecken; daneben der falsche Glanz und Taumel des morschen Lebens am Hofe des Kaisers Rudolf, als dessen Gestalter Harry Baur eine schauspielerische Glanzleistung vollbringt. Mit dem Erwachen des Golems, der endlichen Gerechtigkeit, beginnt der zweite Teil, die eigentliche Legende: alles Morsche stürzt zusammen, über alle Ungerechtigkeit, über Ränke und Lügen tritt der Golem hinweg, mit undurchdringlicher Miene, auf der nur einmal ein rätselhaftes Lächeln spielt, den Gottesnamen auf erhobener Stirn. Der Film beginnt mit einer Szene in der Prager Schul. „Chadesch jomenu kekedem" flehen die Männer, tief in ihre Gebetsmäntel gehüllt. Das ist die ewige Sehnsucht, heute so wach wie im 16. und 17. Jahrhundert und seit je, im Prager Ghetto, in allen Ghettos, in allen Juden der Welt. Das ist die Wirklichkeit, der die Lösung versagt blieb. Was gibt es außer ihr? Nur den Weg aus der Wirklichkeit hinaus, hinein ins Wunder, das nicht von dieser Welt ist. So beschwören die Männer den Geist des Hohen Rabbi Low; noch ist der Golem leblos, noch trägt er nicht den Gottesnamen auf der Stirn und sie wissen nicht, wann er erwachen wird; der Geist soll es ihnen sagen. „Wenn die Bestie brüllt", antwortet er durch den Mund eines der ihren. Der Mann, der es sprechen mußte, bricht zusammen. Sie suchen, einen Sinn in dieses Wort zu legen und ahnen nicht, daß das Brüllen von den wirklichen Bestien kommen wird, vor deren Käfig sie in die Kerker geworfen werden. Dort begreift es in plötzlicher Erkenntnis das Weib; unbeschadet schreitet sie zwischen den wilden Tieren hindurch in den Raum, in dem der Golem gefesselt steht. Sie schreibt ihm mit letzter Kraft die heiligen Buchstaben auf die Stirn, er zerreißt seine Ketten und die Gerechtigkeit tritt ihren Weg an; als die hohen Mauern zusammensinken, ist alles schon reine Legende. Ich sah den Film „Der Golem" an einem Donnerstag in Amsterdam. Am nächsten Tag war ich im Abendgottesdienst in der Portugiesischen Synagoge. Mitten im Erlebnis dieses Raumes, dessen letzte schmucklose Einfachheit und Größe nur von unzähligen Kerzen feierlich durchstrahlt wurde, fragte ich mich: Die Männer dort unten, tief in ihre Gebetsmäntel gehüllt — sind das die gleichen Juden wie die des Films, tragen auch sie die brennende Sehnsucht im Herzen? Ja. Sie sind nur stiller geworden in ihrer versunkenen Andacht, die Welt und das Leben sind in sie hineingewachsen und sie gehen mit ihm in sich hinein. Sie sprechen „Chadesch jomenu kekedem" — aber Wunder und Legende sind fern; sie lehnen den Ausweg ab. Sie suchen den Weg. Hilde Marx 475

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