Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1937)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1937-01-01
- Page
- 474 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gebete eines Menschen im Druck herauszugeben, der eben noch unter uns lebte. Wird hier die Brücke zwischen der ersten Wunschregung nach neuer Einfügung in die ewigen Daseinsgesetze und der Erfüllung nicht vorschnell geschlagen? Und wenn sie wirklich tragfähig war für die Sehnsucht eines Einzelnen, wird sie den Vielen standhalten, die sie jetzt mit der Schwere ihrer Maßstäbe und Stimmungen belasten werden? Wenn man Bertha Pappenheims „Gebete" in der Hand hält, Schriftbild und Ton dieser Bekenntnisse auf sich wirken läßt, wenn man ihre Inbrunst erfühlt und sich der klug und liebevoll führenden Deutung in Margarete Susmans Nachwort anvertraut, dann lösen sich alle Zweifel, die einen anfangs vielleicht befielen, in stiller und dankbarer Ergriffenheit. Man folgt den Wegen, die hier eine starke seelische Kraft zu den verschütteten Quellen des Glaubens bahnte, und weiß, daß diese Wege in Wahrhaftigkeit und tiefer Gewißheit geschritten worden sind. Die großartige Einfachheit, mit der Bertha Pappenheim, wo immer sie wirkte und kämpfte, ihre jeweilige, oft sehr irdische Aufgabe unmittelbar mit der göttlichen Forderung konfrontierte, gewinnt in ihren Gebeten den ihr eigentümlichsten Ausdruck. Nicht eines von ihnen ist ein wohlgeprägter Sinnspruch für entrückte Feierstunden, sondern sie alle steigen mitten aus dem Leben empor und tragen eben darum schon die so heiß erflehte Kraft der Lebensbewältigung in sich. Daß ein Leben der Tat und der Gotterfülltheit zugleich in unseren Tagen gelebt werden konnte, das ist die stärkende Sicherheit, die aus Bertha Pappenheims Gebeten zu uns spricht. Sie sind uns nicht gegeben, damit wir sie nachsprechen, sie nehmen uns nicht das Suchen nach einer gültigen Ordnung ab, die auch unser Tun an das Absolute zu binden vermöchte. Aber sie selbst sind ein Teil dieser Ordnung. Und wenn wir uns ihnen nähern auch nur in der Absicht, Dokumente einer großen Menschlichkeit zu finden, die uns teuer war, so werden wir Anteil gewinnen an der Gesetzlichkeit dieses Lebens, aus dem heraus auch das unsere zu neuen Gesetzen zu finden vermag. Eva Reichmann-Jungmann Golem In Amsterdam läuft der neue Golem-Film des Regisseurs Duvivier. In ihm ist das Herrlichste die Maske des Golem, die das volle Verständnis dieser Idee zeigt: undurchdringlich ist sie, nicht gut, nicht böse. Die ganze Figur ist starr geradeaus gerichtet: formgewordene Sehnsucht gequälter Menschen nach dem Wunder überwirklicher, von allem Menschlichen unbeeinflußbarer Gerechtigkeit — zum Leben erweckt durch den heiligen Gottesnamen. In Scharen strömten die Menschen zu diesem Film. Während der Vorstellung lachten einige, hie und da wohl ein Lachen der Verständnislosigkeit, oft aber auch ein anderes: es war ein Lachen erschreckter, verängstigter Kinder, die sich plötzlich einer großen Gewalt gegenübergestellt sehen und nicht mehr aus noch ein wissen. Und dann 474